Laurentii Ulstadii

Merkwürdiger Lebenslauf


 


 

 

Erster Sammlung,

I. Stück.


Merkwürdiger Lebenslauf

eines treuen Zeugen Gottes und recht-schaffenen Streiters Jesu Christi, Namens

Laurentius Ulstadius,

handelnde von dessen ersten Erweckung,
Zeugniss wider die Prediger, darauf folgendem Gefängniss,
vielen Leiden, und endlichem seligen Tode.

 


 

 

§ 1.

n den vorigen Zeiten hatte man von Erweckungen und Bekehrung der Seelen, im Königreiche Schweden, unter den Leuten nicht viel gehöret.

Zum wenigsten hatte es nicht viel Zeugen der Wahrheit gegeben, die wider die Lügen zu zeugen öffentlich aufgetreten sind; Sondern alles hatte darinnen sicher hingeschlafen.

Wiewol nicht zu leugnen, sondern vielmehr zu glauben ist, dass Gott doch, auch in diesem Lande, seine verborgene Kinder gehabt habe; Insonderheit unter dem gemeinen Mann, als etwan hie und da einen Bauern oder Bauers-Frau, die, in dem Glauben an den Sohn Gottes, ihn von Herzen gefürchtet und geliebet haben.

Dergleichen, schon in meiner Jugend, eine und andre Person gekannt zu haben, ich mich erinnere.

Welche zwar damit kein sonderliches Aufsehen machten, auch nicht viel äusserlich hohes Wissen besassen, sondern nach derselben Zeit Beschaffenheit in ihrer Einfalt so hinlebten;

Aber doch auch von vielen andern darum hochgeacht, beliebt, und für gottesfurchtige Personen geachtet wurden; Wohen sie gleichwol auf andere Weise doch nicht ohne Leiden und Prüfungen, als weiche den Kindern Gottes allezeit zu begegnen pflegen, frey geblieben sind.

 

§ 2.

Von dieser Art frommen Seelen ist itzt mein Vorsatz nicht zu schreiben; Sondern, wie der heilige Gott in andern Landen, und zwar noch eher als in Schweden, die allgemeine Sicherheit und das Sünden-Leben der verfallenen Christenheit, auf vielerlen Weise anzugreifen, angefangen, und rechtschaffene Zeugen der Wahrheit, und Prediger der Gerechtigkeit, dawider zu zeugen, aufgewecket hatte;

(ich meyne nicht nur unter den Predigern selbst, sondern auch unter andern Leuten, Gelehrten und Ungelehrten, hohen und niedrigen Standes, die wider den grossen Verfall des Christenthums geredet, und die Menschen zum Aufwachen und Wiederkehr zu ihrem Erlöser und vorigen Mann, ermahnet haben;)

Also hatte ihm, nach seiner ewigen Liebe und Barmherzigkeit, auch nach unserm armen und finstern Schweden sich umzusehen, und auch daselbst einen redlichen Mann nach dem andern aufzuwecken und zum Zeugen aufzustellen, in Gnaden gefallen; Welche dann nicht allein mit blossen Worten, sondern mit Geist und himmlischen Gnaden-Kräften ausgerüster, die Finsterniss angegriffen und aufgedecket haben.

 

§ 3.

Unter solchen, und zwar von den ersten, war demnach Laurentius Ulstadius, ein Prediger, und zugleich Schul-Diener zu Ulo, einer Stadt in Finnland, ganz im Norden, gegen Lappland hin, siebenzig bis achtzig Meilen von Abo abgelegen.

Von dieses ehrwürdigen Mannes Jugend- und Studenten-Jahren hat man zwar keine sonderliche Nachricht; Der Anfang aber seiner Bekehrung wurde erst, nachdem er Prediger geworden, und zum Schul-Amt gekommen war, ohngefehr im Jahr 1682, und zwar auf folgende Weise, bekannt.

 

§ 4.

Es liess ihn nämlich der treue Gott und Erlöser seiner Seelen, der ihn zu seinem Werkzeug ausgesehen hatte, anfänglich in eine schwere und tödliche Krankheit fallen; Und in solcher machte er ihm sein Gewissen, seiner Sünden wegen, sehr rege, und insonderheit in Erwegung einer, die er in der Jugend, vermuthlich in der Studenten-Jahren zu Abo, wider das sechste Gebot, begangen hatte.

 

§ 5.

Den guten Mann setzte solches in einen so heftigen innerlichen Gemüths-Kampf, dass er keine Ruhe des Gewissens bekommen konnte, er müsste denn diese seine Sünde öffentlich bekennen und beichten.

Der Pfarrer aber derselbigen Stadt suchte aufs fleissigste ihm solches aus dem Sinn zu reden; Vermuthlich aus solcher Ursache, weil es ihm schiene, dass das Predig-Amt dadurch bey den Leuten in Geringschätzung oder Verachtung kommen mögte, angesehen Ulstadius selbst ein Prediger war;

Ware er aber ein anderer Mensch gewesen, so hätte ers vielleicht gleich und ohne Widerrede geschehen lassen.

Doch, der Pfarrer mag die Sache angesehen, und die freye Sünden-Bekenntniss zu verhindern gesucht haben, aus welcher Absicht es auch sey, so merket man doch leicht, wer die eigentliche Ursache und Stifter solches Beginnens gewesen sey, nämlich der Satan, der allemal die Werke Gottes zu vereiteln und zu verhindern sucht;

In welchem Fall der Pfarrer leicht desselben Werkzeug gewesen ist, der also dieses Werk Gottes zu hintertreiben allen Fleiss anwendete, und dem guten Ulstadius bedeuten wollte, dass dieses sein Begehren nur eine Versuchung vom Teufel wäre, die er aus dem Sinn schlagen und von sich abweisen müsste.

 

§ 6.

Es konnte dieser des Pfarrers Rath und Vorschlag aber den werthen Mann nicht befriedigen, der mit einem göttlichen Pfeile tiefer verwundet war, als dass er durch dieses Pflaster geheilet werden könnte;

Der auch nun schon Augen zu sehen bekommen hatte, was dahinter steckte, und wer der sey, der ihm widerstund;

Darum beschloss er endlich dem innern Rathgeber, der ihm in seinem Gewissen zuredete, Folge zu leisten: Und da der Pfarrer in dieser seiner Noth und Krankheit sein Sünden-Bekenntniss anzuhören, nicht zu ihm kommen wollte, sondern vielmehr solches zu hintertreiben allerley Mittel vorkehrete, so sprang der liebe Ulstadius aus seinem Bett und Stube durchs Fenster heraus,

(welches zu erkennen gibt, dass man ihn als einen närrischen oder wahnwitzigen Menschen muss bewachet haben)

und lief im blossen Hemde zu dem Pfarrer selbst hin: Weil aber die Magd desselben, als die, wie man wol siehet, also von ihrem Herrn muss abgerichtet gewesen seyn, ihm nicht einlassen wollte, sondern die Thür vor ihm zusperrete, so rief er durch das Schlüssel-Loch dem Pfarrer hinein zu, alles was ihm auf seinem Gewissen lag und ihn beschwerete;

Darauf bekam er nicht nur Ruhe und Frieden im Gewissen, indem er alsobald innerlich versichert wurde, dass ihm durch Christum, und um seines vergossenen Bluts willen, seine Sünden vergeben wären, sondern auf dem Rückwege nach Haus, wurde er in seiner Seele von einer göttlichen Erquickung dermassen durchdrungen, dass sie als ein kühlender Wind seine Angst und Hitze gleichsam auslöchete;

Und solchergestalt ist er dann mit dem heiligen Geist getauft, hat die Vergebung seiner Sünden erhalten, und ist zum seligen Kind Gottes, durch den Glauben an Jesum, wieder aufgenommen worden.

 

§ 7.

Kinder Gottes, welche Gott in seinen Gnaden-Reich hier auf Erden, zu was besonders brauchen will, pflegen ihr künftiges Amt und Bedienung oft zum voraus zu wissen zu bekommen.

Solches ist von unsern Herrn Ulstadio gleichfalls zu vermuhten; Er lief aber voreilig nirgends hin, sondern lernte von Anfang, und bey dem ersten Eintritt in die Schule der himmlischen Weisheit, auf die stündliche Leitung und Unterricht des göttlichen Geistes zu merken und darnach einherzugehen.

Er verliess demnach diesen seinen gegenwärtigen Schul Stand nicht sogleich, um in einen andern einzutreten, sondern blieb noch ein ganzes Jahr darinn;

Währender Zeit, er noch mehr Stärke und Geschickligkeit zu seinem bevorstehenden Amt eingesammelt und überkommen hatte, wie es dorten hiess:

Ihr solt in der Stadt Jerusalem bleiben, bis dass ihr angethan werdet mit Kraft aus der Höhe. Luc. 24. v. 49.

Welche Kraft aus der Höhe ihm auch um so viel nöthiger war, als er einen schweren und rauhen Weg, der mit so viel Dornen besetzt und mit so vielen Leiden und Trübsalen verknüpft war, vor sich hatte.

 

§ 8.

Währender Zeit nun, dass er an diesem Ort geblieben, war er an dem Werke des Herrn nicht lässig gewesen, sondern hatte um des Namens des Herrn willen, vieles gearbeitet:

Denn nebst der täglichen Abwartung seiner Schul-Bedienung, als welche er nunmehr mit ganz andern Kräften und Treue vorstund, hatte er, so oft ihm Anlass und Gelegenheit gegeben worden, fleissig geprediget und die Zuhörer zur Bekehrung und zum Glauben zu erwecken gesucht.

Er sprach bey den armen Leuten und ausgehungerten Seelen in ihren Häufern ein, und hielt ihnen mit Nachdruck den Weg des Lebens vor.

Die Prediger ging er auch nicht vorbey, sondern vermahnete dieselbe ebenfalls zur Bekehrung, und zwar nicht nur mündlich, sondern auch durch Briefe.

 

§ 9.

Gleichwie aber jene an feinen brünstigen Reden und beweglichen Vorstellungen einen Wohlgefallen bezeigten, so wurden diese, nämlich die Prediger, über ihn sehr unwillig und erzürnet;

Ihr Hochmuth mogte nicht vertragen, dass man sie als noch unbekehrte Leute ansehen sollte;

Sie verwarfen also den Rath Gottes zu ihrer Errettung und Seligheit, stiessen das Wort Gottes von sich, und machten sich selbst des ewigen Lebens unwürdig.

Den Boten beschimpften sie, höhneten, verachteten und verklagten ihn in ihren geistlichen Rath odr Consistorio zu Abo, dahin sie auch seine Briefe, die er an sie geschrieben, und ihnen ihre Fehler darinn aufgedecket und vorgestellet hatte, verschickten.

 

§ 10.

Der frommer Bote liess sich aber auch hiedurch nicht abschrecken, noch verzagt machen, sondern hielt sich im Glauben feste an den, der ihn berufen und ihm das Wort in den Mund gelegt hatte.

Durch Gebet und anhaltendes Flehen und Wachen in demselben wuchs er an Gnade, an Weisheit und Kraft, bis auf den Tag, da er hervortreten und den Leuten ein Zeichen und Wunder seyn sollte.

 

§ 11.

Solches Wunder-seyn hatte zwar schon vorher seinen Anfang genommen: Denn seine Erweckung und Bekehrung, als eine unter ihnen, zu der Zeit, ganz fremde, ungewöhnliche und seltsame Sache, wird bey ihnen schon, Wunders genug gewesen seyn:

Denn, wenn man erweget, welchen Aufstand, welchen Lermen und Aufsehen es ofte gibt, wie die Menschen sich verwundern, was sie darüber zu sprechen pflegen, wenn eine Seele dem Gnaden-Ruf Gottes Gehör gibt und anders Sinnes wird, als sie vorhin gewesen, und zwar zu dieser Zeit, da die Bekehrungen der Seelen, Gott Lob! nicht mehr so rar und ungewöhnlich, als zu derselben Zeit sind;

So kann man sich vorstellen und einigermassen schliessen, wie Herr Ulstadius den Leuten der dortigen Gegend vorgekommen seyn mag.

Es wird wohl nicht genug die Sache ausgedruckt seyn, wenn man, wie itzt geschicht, spräche:

Er ist ein Pietist, ein Quäker worden; Sondern sie werden gar gedacht und gesprochen haben: Er hat den Teufel, er ist besessen; Oder am gelindesten zu urtheilen: Er ist verrückt, er ist von Sinnen kommen und ein Narr worden, m. m.

Nach solcher Zeit aber war er ihnen ein noch grösseres Wunder worden.

 

§ 12.

Denn da er, nach der innern Belehrung und Leitung, darinn er durch den Geist Gottes nunmehr stund, in seiner Seelen vernommen hatte, dass die Zeit nun vorhanden wäre, dass Gott ihn in eine andere Verfassung haben wollte, so gab er nach desselben Wink und Anzeige, sein bisheriges, Schul-Amt auf;

Solchergestalt nämlich, dass er auf dem Synodo, oder in der jährlichen allgemeinen Versamlung der Clerisey, seinen ordentlichen Abschied begehrte, und mit Zustimmung des Bischofs solchen auch, im Jahr 1683, erhielte.

 

§ 13.

Hiemit hatte dann dieser christliche Schüler also, zu einem schönen Anfang, die erste, welche in der Schule Christi auch die lesste/letzte Lection bleibet, wohl an sich blicken lassen, die da heisset:

Abnega te ipsum & omnia { praeter/propter } Deum;

Lass dir nichts so lieb seyn, das du, um Gottes Willen, nicht gerne und willig kanst fahren lassen.

Wer mir folgen will, spricht der Meister, der verleugne sich selbst, und nehme sein Creuz auf sich täglich, und folge mir nach. Luc. 9.

Wer nicht sein Creuz trägt und mir nachfolget, der kann nicht mein Schüler seyn. Cap. 14.

Man erwege, dass solches nicht eine so geringe Sache, sondern eine starke Probe seines neulich aufgegangenen Glaubens, Zutrauens, Liebe und Gehorsams gegen seinen Meister gewesen sey, nämlich ohne äusserliche Ursach auszugehen, nicht vertrieben zu werden, auch nicht zu wissen etwas anders wieder zu bekommen, sondern nur so, gleich wie Abraham, bloss aus innerlicher Ueberzeugung und Ruf, sein Amt und Brodt zu verlassen, und die Armuth Christi zu erwehlen.

Da sehe ein anderer vorher zu, was solches ihm zu bedeuten gebe, und was es ihm kosten würde! Man ist aber klüger, man weiss sein selbst zu schonen, damit einem dergleichen nicht wiederfahre.

Dazu gibts heut zu tage, spricht die Vernunft, solche innerliche Führung nicht mehr; diese ist nur für Leute, die schwachen Verstandes sind, die stark phantasieren und ihnen so was einbilden können, u. s. w.

Allein, unser Ulstadius kannte diese Einwendungen sehr wohl, und kehrte sich nicht daran, sondern ward stark im Glauben, und folgte dem, der ihn gerufen hatte, noch ferner; Also dass er im April-Monat, um die Oster-Zeit, da es in dem Lande am allerschlimmsten undgefährlichsten zu reisen ist, achtzig Meilen wit nach Abo hin ging, und bey dasigem Consistorio, dass er öffentlich Kirchen-Busse thun oder ausstehen mögte, anhielte.

 

§ 14.

Das waren wol geheime Wege und Rathschlüsse Gottes über und mit diesem seinen Werkzeuge!

Man mögte wol denken: Er wäre so ein melancholicer Mensch gewesen, der durch die Vergebung der Sünden, um des vergossenen Bluts Jesu Christi willen, sich nicht könnte zufrieden gestellet finden, darum fiele er auf solche äusserliche Bussübungen, und wollte dadurch für seine Sünden selbst genug thun, sie abverdienen, und solchergestalt sein unruhiges Gewissen in Frieden setzen, u. s. w.

Aber, nein, man hat oben schon vernommen, dass er allbereits mit dem heiligen Geist getauft, der Vergebung seiner Sünden versichert, und ein seliges Kind Gottes worden sey.

Es müssen also zu diesem Beginnen ganz andere Ursachen in dem göttlichen Rath vorhanden gewesen seyn.

 

§ 15.

Meiner Einsicht nach getraue ich deren nur zwo anzugeben.

Erstlich: Herr Ulstadius hatte zu Abo seine Studia academica absolviret, und folglich, ohne Zweifel, auch alda sein crimen laesae caftitatis begangen;

Dieses crimen mag einigen Einwohern dieser Stadt, vielleicht auch den Professoren und Predigern selbst, noch bekannt gewesen seyn; Oder es wäre auch etwa nur von der Beschaffenheit gewesen, dass der Verbrecher desfalls öffentlich zur Strafe nicht hätte können gezogen werden, die Rede von seinem Verbrechen aber wäre gleichwol doch unter die Leute gekommen:

Und da Gott ihn nun zum Zeugen der Wahrheit brauchen wollte, so müsste er fürs erste nach dem Landes-Gesetz die hierauf gestellte Busse ausstehen, auf dass, wenn er hernach, mit seinem von Gott empfangenen Zeugniss, wider sie auftreten würde, sie ihm nichts vorwerfen könnten; zum Exempel:

Du willst uns der Uebertretung bestrafen, weissest du wol, wie es um dich selbst stehet? Siehe, das und das hast du gethan, u. d. gl.

Wenn denn Ulstadius seine, den Leuten zum Theil bewusste Missethat vorhero nicht öffentlich gebüsset, und sie ihm dieses vorgerücket hätten, so hätte er vor ihnen verstummen müssen;

Nun aber, nachdem er seine Busse gethan und ausgestanden hatte, so durfte er ihnen, ohne Verweiss; frey reden, und ihnen ihre Sünden auch vorhalten; Ist das nicht Gottes Weisheit?

Zweytens: Herr Ulstadius sollte eine Zeit lang, ein Zeichen der von Christi Geist und Lehre abgewichenen Clerisey und der übrigen verfallenen Christenheit seyn, wie man folgends vernehmen wird;

Also mag es wol, wie ich auch sicher glauben kan, die Absicht Gottes gewesen seyn, denselben auch eben in diesem Stück ihnen zum Zeichen seyn zu lassen:

Denn gleichwie der liebe Herr Ulstadius itzt sein Verbrechen büssen müsste, also sollten die Prediger, als eine von Christo verlaufene und gewordene Hure, mit samt der übrigen verfallenen Christenheit, ihre Schande und Abweichung auch einmal scharf büssen müssen.

Mehrers mag ich hievon weiter nicht sagen.

 

§ 16.

Wie ging es aber mit des Ulstadii seinem Begehren um die Kirchen-Busse ausstehen zu mögen?

Anfänglich wurde ihm solches gänzlich abgeschlagen und verweigert; Ohne Zweifel aus eben derselben Ursache und Beysorge, als oben § 5. von der Beichte vor dem Pfarrer zu Ulo ist angemerket worden.

Hr. Ulstadius aber, in seiner Sache gewiss, hörte mit seinem Begehren sogleich nicht auf, sondern opferte mit unablässigem Gebet sich und die Sache Gott auf, und fuhr fort ganze zwey Jahre lang in seinem Ansuchen zu verharren und anzuhalten.

Dieses ist, meines Erachtens, ein gewisses und sicheres Kennzeichen, dass sein Vornehmen nicht bey ihm eine blosse Uebereilung, nicht ein flüchtiger Einfall in die Gedanken, nicht ein beschwerlicher Gewissens Scrupel, oder ein Antreiben seiner erregten Melancholie, sondern ein wahrhaftiger Ruf und Anordnung von Gott selbst gewesen sey:

Denn sonsten hätte es so lange nicht Bestand gehabt, sondern wäre längstens von ihm vergessen worden, und gleichsam in die Luft geslogen und verschwunden.

 

§ 17.

Nachdem also dieser Suchende desfalls genug bewähret, und vor Gott und Menschen wahrhaftig war befunden worden, wurde ihm endlich sein Begehren verstattet, also, dass er im Jahr 1685, in der grossen Dom-Kirche zu Abo, das Bekenntniss seiner Sünde öffentlich ablegte.

Doch sage ich ja nicht dass der Prediger ihre Absicht mit der Verweigerung diese gewesen sey, den werthen Herrn Ulstadium zu bewähren, und seiner Sache Richtigkeit dadurch also an den Tag zu legen, gar nicht.

Es ist nur Gottes Absicht gewesen ihn also zu führen, auf dass auch andere unpartheysche Gemüther daraus erkennen mögten, dass er folches nicht bloss aus sich selbst verlanget hätte, noch in seinem eigenen Namen gekommen wäre.

 

§ 18.

Wetterwendische Menschen, unbeständige Seelen, und leichtsinnige Gemüther, sind gern in ihrer Andacht heute heiss wie ein Backofen, morgen aber wieder kalt und verleschen endlich gar:

Unser Wundermann aber, der nun allmälig den Leuten ein zeichen zu sey anfing, fuhr mit gleichem Ernst fort, mit vielem Fasten, emsigem Gebet, Lesen der heiligen Schrift, guten Betrachtungen und gottseligen Uebungen, munter, fleissig und wachsam, auch unter vielen inn- und auswendigen Leiden, grossen Anfechtungen und Versuchungen, Gott zu dienen;

Bis er, mit vollkommener Aufopferung seines Willens und aller seiner Kräfte, der verborgenen Führung Gottes, die er im seinem Gewissen und inwendigen Grund verspührete, zu allen Geschften des Geistes, sich gänzlich überlassen konnte;

Dessen Würkungen er sodann leidender Weise Raum liess, und, obwol nicht ohne heftigen Kampf und Ringen im Gemüthe, welches seinem Bewürker am allerbesten bekannt ist, an sich gewahr wurde.

 

§ 19.

Es ist solches aber kein Wunder; Denn ist es seinem Meister dem Herrn Jesu Cristo Wiederfahren, dass er grossen Kampf und Ringen hat erdulden müssen da er die Leiden für unsere Sünden ausstehen sollte, warum denn auch nicht seinem schwachen Schüler, da er nun nach und nach die seltsame Führung erfuhr, die Gott mit ihm vornahm, und ihn vor den Menschen zum Spectacul machen wollte?

Denn eben um solche Zeit mögen wol die Triebe zu der folgenden wunderseltsamen Lebensart in seinem Inwendigen ihren Anfang genommen haben.

O! wie wird die Verunft und der äussere Mensch oft und stark sich dawider gestreubet und nicht gern daran gewollt haben?

Und solches ist denn auch das, was in ihm den grossen Kamp und das Ringen, als den Streit zwischen Fleisch und Geist, verursachte, wovon alle wahre Streiter Jesu Christi, ein jeder nach seinem Maass, zu sagen wissen.

Wer demnach einen solchen Streit in sich nicht erfähret, derkann sicher die Rechnung machen, dass er kein Streiter, vielweniger ein Ueberwinder sey, dem die grosse Verheissungen von Christo in der Offenbarung Johannis angehen, sondern dass er mit seinem Feind, dem Fleische, in einem Wassen-Stillstand stehe, wofern er ja vorhin jemals in einigem Streit mit ihm wäre verwickelt gewesen, oder dass er noch niemals recht erweckt und wahrich bekehret, und zum wahren Glauben gekommen sey, folglich sich keinen Freund Christi nennen, und sich als einen Feind seiner Feinde ansehen könne, vielmehr aber mit den Feinden in einem Bündniss und Frieden, und mit Christo in Krieg und Feindschaft stehe;

Solches ist gewisslich wahr, es mag sich einer einbilden was er will, und von seiner Seligkeit träumen so gut ihn gelüftet.

 

§ 20.

Da wir auf die Materie vom geistlichen Streit und Ringen gekommen sind, so will ich, mit Erlaubniss des geneigten Lesers, hier eine kleine Ausschweisung machen, und bey dem Wort Streit und Kampf nur eine Anmerkung beyfügen:

In diesen unsern Tagen ist unter erweckten Seelen über dieses Wort einige ungleiche Meynung entstanden; Ein Theil sagt:

Ein Christ wird daran erkannt, oder ein Christ seyn beweiset sich darinn, dass man wider Christi und seine Feinde streite und kämpfe.

Andere hingegen wollen von dieser Redenart gar nichts wissen, noch hören, sondern sagen:

Man darf nunmehr gar nicht streiten, die geistlichen Feinde sind von unserm Heylande Jesu Christo schon bestritten und besieget, wir dürfen sie nur für überwunden ansehen, und sie unter dem Fuss halten.

Wie entscheiden wir dieses? Wer hat recht? Wenn man beeder Partheyen Sinn nach dem Grunde recht einsiehet, so muss man, wenn ich von dieser Sache meine geringe Einsicht sagen soll, und so ferne ich beeder Sinn recht gefasset habe, gestehen, dass sie beede recht haben;

Es kommt nur auf eine kleine Erklärung an, wie jeder Theil seine Worte will verstanden haben, und so können sie mit einander zufrieden seyn.

Aus beederley Ausdrückenaber kan gewisser massen ein Missverstand und Widerspruch erwachsen, wofür die Ausdrücke selbst, als welche an sich unschuldig seyn mögen, nichts können;

Es ist also etwas anders und zufälliges, daas deb Missverstand verursachet, nämlich der verdorbene Zustand des menschlichen Herzens, das ein Ding verkehrt annimmt und verkehrt anwendet.

 

§ 21.

Vielleicht sagen die ersten: Ein Christ streitet, nicht in dem Sinn als wollten sie sagen, dass die Feinde von dem Heylande Christo nicht schon geleget und überwunden wären, und dass sie denn nun erstdieselbe angreifen und bestreiten sollten und müssten, keinesweges;

Auch ist es nicht so zu verstehen, als unterstünden sie sich, oder konnten sie ausser Christi Geist und Einwohnung, den von Christo schon überwundenen Feinden Widerstand thun, mitnichten;

Sie wollen damit nur für falcher Freyheit und für laulicht sicherm Wesen sich verwahren, in welches oft bekehrte Seelen wiederum sich einflechten laassen, mannigmal so weit, dass sie wieder von neuem gar in einen geistlichen Tod einschlafen, und wollen dadurch anders nichts verstehen oder sagen, als was die Heilige Schrift sagt, da es heisst:

Kämpfe den guten Kampf des Glaubens: Widerstehet dem Teufel, so fleucht er von euch: Seyd nüchtern und wachet, denn euer Widersacher, der Teufel, gehet umher wie ein brüllender Löwe, und suchet, welchen er verschlinge; Dem widerstehet fest im Glauben. Lasser die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, u. s. w.

Und dergleichen Verwahrung oder Warnung ist recht.

 

§ 22.

Wie sollte nun hieraus ein Missverstand entstehen können? Ein Missverstand und fehler wäre dieser:

Wenn erweckte Seelen nicht genau an Christo dem Haupte sich halten, und ihn in sich nicht alles thun lassen, sondern etwas in eigener Kraft anfangen, und solchergestalt, wie es dem lieben Petro widerfuht, übel zugerichtet werden; Darum spricht eben unser Heyland:

Gleichwie die Rebe kan keine Frucht bringen von ihr selber, sie bleibe denn am Weinstock, also auch ihr nicht, ihr bleibet denn in mir: Denn ohne mich könnet ihr nichts thun.

Einige Seelen, wann sie vom Kampf der Christen, vom christlichen Wandel und Tugenden hören, kommen nicht erst zu Christo selbst, um durch ihn, in seinem Blut, die Vergebung ihrer Sünden zu empfangen, und mit seinem Geist getauft und ausgerüft zu werden, dass sie hernach in Christo und durch ihn gute Früchte brächten, sondern sie greifen die Sache gleichsam mit ungewaschenen Händen an;

Ich will sagen: Sie bleiben unter dem Geist des Gesetzes stehen; Sie arbeiten aus eigenen Kräften, und wollen das zuwege bringen, was den Menschen gesagt und zu halten unmöglich ist;

Sie meynen, dass sie, um des Wissens willen, das sie von Christo haben, und weil sie den Evangelischen Regeln nachzuleben sich bestreben, schon Christen seyn, und suchen solchergestalt alles ins seine zu bringen, und ihnen selbst unwissend, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten.

Da aber das in die Länge nicht gehen will, und sie dadurch nicht zur Ruhe kommen, die Decke wird ihnen allenthalben zu kurz, die Anklage des Gewissens findet sich, ungeachtet sie sich fleissig in den Tugenden üben, oft ein, und müssen sich noch immer mit der Furcht vor dem Tode schleppen, u. s. w.

So meynen sie, es liege an diesem und jenem, sie müsstens wieder auf andere Weise anfangen, und so fallen sie auf wunderliche Mittel und Wege, ihre Feinde, die in ihnen mächtig sind, zu bestreiten, um zur wahren Ruhe zu gelangen; Und das ist eben ein rechter Missverstand.

Weiter, wenn sie alles versucht haben, was ihnen eingefallen, und sie merken, dass sie doch nicht zum rechten Ziel gelangen, so ermüden sie endlich gar in ihrer Arbeit, geben alles auf, und sich selbst ihren Feinden über, werden schlimmer und ärger, als sie jemals vorhin waren, ehe sie den Weg der Frömigkeit zu betreten anfingen, werden Lästerer der wahren Frommen, ja, auch wol gar ihre Verfolger.

Solches kommt endlich heraus, wenn man sich die Sünden nicht vergeben und sich abwaschen lässt, bevor man fromm seyn und das Leben der wahren Christen führen will.

 

§ 23.

Die andern sprechen, wiewol der Ausspruch nicht schriftmässig, nämlich: Ein Christ streitet nicht;

Damit wollen sie, wie ich von ihnen vermuthe, nichts anders andeuten, als den itzt angeführten Missverstand zuvermeiden, und Seelen dafür zu warnen; Welches an sich auch recht ist.

Wie kann aber hieraus ein Missbrauch entstehen? Der Missbrauch und Missverstand ist dieser:

Wenn begnadigte Seelen die Rede vom Kampf und Streit der Christen nicht recht verstehen; Und hören etwan, dass ein Christ nicht streite, nämlich in eigener Kraft, sondern lasse den Held, der die Feinde besiegethat, dieselbe auch in sich bestreiten;

So geben sie alles Wachen und allen Widerstand, den sie in und durch die Gnade thun sollten und könnten, gänzlich auf, und verfallen folglich in Leichtsinn, in falsche Freyheit, in Sicherheit und endlich in einen Schlaf des Todes.

Dergleichen Exempel man wiederum auf der andern Seite viele und all zuviele siehet; Und das sind ja auch Abwege.

Wenn nun diese beede Parthenen einander verstünden, und in Liebe tragen würden, so wären sie einander nicht schädlich: Denn sie haben, wenn es nur recht aufgenommen und recht verstanden wird, beyde recht.

Nach dieser Ausschweifung komme ich dann wiederum an unsern werthen Herrn Ulstadium zu denken.

 

§ 24.

Ich habe des Kampfs, den er, wegen der ungewöhnlichen Lebensart, die nunmehro ihren rechten Anfang genommen hatte, und dessen, was er in seiner Seelen erfahren müssen, Erwehnung gethan, und gesagt, dass man sich dessen nicht zu verwundern hätte.

Itzt wollen wir vernehmen, worinne dieselbe eigentlich bestanden habe:

Man hätte an ihm, als der in den verborgenen Wegen Gottes bereits wandelte, und sich gänzlich in seinen Gehorsam übergeben hatte, dieses wahrgenommen und merken können, dass er seine schon aaltgewordene Kleider, welche nach der Hand schon zu zerreissen und vom Leibe zu fallen beunten, nicht ablegen und andere neue annehmen wollte, ungeachtet dass gutgesinnte Gemüther ihm andere, entweder feinere, oder geringere Kleider geben wollten und sie anzunehmen ihn baten.

 

§ 25.

Das sanftmüthige Schäflein trug diese Last geduldig und mit Stillschweigen, zuerst im Verborgenen und vor Gott alleine, bis sie endlich auch andern Menschen nicht länger verborgen bleiben könnte:

Denn alle Leute in der Stad mussten endlich ins gemein an ihm einen grossen Jammer und abscheuliche äusserliche Ungestalt sehen, indem, währendem Verlauf zweyer Jahre, seine Kleider völlig abgenutzt und zu blossen Lumpen wurden, die, mit Zwirn und Bind-Faden zusammen geheftet und angebunden, um seinen Leib herum hingen und schläuderten;

Ja, diese seine Leibes-Blösse wurde zuletzt so gross, dass er seine natürliche Glieder nicht mehr mit was anders, als mit den Händen, bedecken konnte.

 

§ 26.

Ueber dieses hatte er ein Verbott, seine Haare, bis auf eine von Gott bestimmte und ihm allein bewuste Zeit, abscheren zu lassen;

Weil ihm nun die Haare stark und häufig wuchsen, wurden ihm dieselbe in fünf Locken geflochten und hart zusammen gepresst, welches dann seine Ungestalt noch grösser machte.

Der müsste wol ein Herz von Stein haben, der ihn in diesen Umständen, wie er nämlich in diesen zerrissenen Lumpen, mit einem alten ausgebleichten Hut, der ihm rund um den Kopf herum in Falten gefallen war, so dass er durch die eine Falte, als durch ein Loch, das Tagelicht vor sich sahe, wie er mit den langen herumhangenden Haar-Zotten, mit halben Strümpfen ohne Schuhe, sich vornen mit den Händen bedeckte, das Hinter-Theil des Leibs aber ihm bloss war, einher ging, gesehen hatte, und nicht zum Mitleiden über ihn herzinniglich wäre beweget worden.

 

§ 27.

Man kann erwegen und einigermassen sich vorstellen, wie lästig, wie hart, wie drückend, ja, zum Theil, auch wol ärgerlich diese Führung denen damals miterweckten Gemüthern, die an des Ulstadii Leiden mit Theil nehmen müssten,

ja auch dem vernünftigen Theil des Ulstadii selbst, mannigmal muss vorgekommen seyn, besonders in sofern ihm und seinen Freunden anfänglich annoch mag verborgen gewesen seyn, was dieses alles zu sagen und zu bedeuten hätte.

Es mögte auch wol zu dieser unserer itzigen Zeit, da wir die Deutung solcher Führung grossen Theils einsehen, und aus vielen Kennzeichen dieselbe für mehr als bloss menschlich erkennen können, dennoch mancher, bey Lesung dieses Lebens-Laufs, stutzig werden und denken:

Ob nicht der selige Mann etwa also phantasirt, oder Eingebungen und Trieben falscher Geister gefolger haben mögte?

Wie viel mehr muss es denen damals Lebenden im Gemüthe vieles zu schaffen gegeben haben, zumal da die Führer des Volks wider ihn so sehr zu toben anfingen?

Hier musste wol die Gedult der Heiligen vonnöthen gewesen seyn, so man sich an ihm nicht sollte geärgert haben.

 

§ 28.

Wider solche und dergleichen andere mehrere Urtheile, hat Gott seines Boten Sendung und die Richtigkeit seiner, obschon seltsamen, Führung mit Wundern rechtfertigen und bestettigen wollen, welche wir im Verfolg dieser Beschreibung erfahren und wahrnehmen werden.

Unter dieselbe rechnen wir billig zuerst dieses: Der Wundersmann ward in seinem Juwendigen dazu getrieben, dass er in dieser Blosse, wobey seinem armen Cörper natürlicher Weise schlecht gerathen war, täglich in die Kirche gehen sollte;

Und ob er schon in dieser, wie in allen den übrigen Zeiten, ohne einige Versäumniss oder Unterlass, zu den täglichen Bet-Stunden, Wochen-Predigten, dreymaligen Sonntags-Predigten, und an allen andern Fest-Tagen, Sommers und Winters, von frühe Morgens an, bis drey oder vier Uhr Nachmittags, in die Kirche kam;

So hatte man bey dem strengsten Nordischen Winter und Kälte, gegen welche die hiesige nicht viel zu zagen hat, dennoch an seinem Leibe nicht den geringsten Schaden befunden.

O wunderbarer Führer! Wie väterlich und wunderthätig nahmest du dich deines Boten an, und machtest, dass dein Name und deine Hand augenscheinlich an ihm zu verspühren war?

Und dem ungeachtet hatt die Vernunft und der Unglaube dagegen doch vieles einzuwenden, und zu klügeln.

 

§ 29.

Nachdem nun dieser Bote Gottes auf diese Weise, nämlich durch eine, ihm von Gott aufgelegte wunderseltsame Lebens-Art, den Menschen, ohne Worte, zugeufen und in sich zu schlagen sie gleichsam erinnert hatte;

(Denn ich glaube gewiss dass die göttliche Hand, die hierunter verborgen war, und ihn also führete, zugleich vieler Herzen Gedanken dadurch muss geoffenbaret und zum Nachsinnen gebracht haben, obschon der grösste Theil sich verhärtet und darüber gespottet haben mag, insonderheit die Prediger, die ihn, von wegen seines göttlichen Zeugnisses wider sie, am heftigsten verfolgten;)

So muste er dann nun auch endlich hervortreten und ebenfalls mit Worten zeugen; Um welches Zeugniss willen er auch alle die folgende Leiden und Trübsalen hat übernehmen und ausstehen müssen, die nach diesem sollen beschrieben werden;

Das Ablegen seines Zeugnisses aber ist, nach einem inwendigen göttlichen Trieb und Geheiss, folgendermassen in Vollziehung gebracht worden.

 

§ 30.

Im Jahr 1688, als der geistliche Schüler nun schon sechs Jahre lang in der Schule und innerlichen Führung Gottes gestanden hatte, am sechsten Sonntage nach der heiligen Dreyeinigkeit, da geprediget wird:

Es sey dann, dass eure Gerehtigkeit bessersey, als der Schriftgelehrten und Pharaisaer, so werdet ihr nicht in das Reich Gottes kommen;

So kam er in die Dom-Kirche, welche noch ein von den alten Papistichen Gebäuen ist, und stellete sich auf den mittlern grossen Gang, recht vor der Kanzel, und als der Prediger eben seine Rede angefangen hatte, gab Ulstadius mit der Hand ein Zeichen und hiess denselben stillschweigen;

Darauf fing? er an aus seinem Papier, das er vorhin geschrieben hatte, überlaut herzulesen, nämlich:

1) "Die Lutherische Lehre ist eine verdammliche Lehre, * 2) Die Prediger haben nicht den heiligen Geist."

Bis auf dieses Wort schwieg der Prediger still, rief aber gleich darauf: Führet den Mensch hinaus.

*) Diesen Ausspruch muss man nicht verstehen, nach dem wie rechtschaffene und gottselige Lehrer die Lutheriche Lehre, nach der wahren Heils-Ordnung, vortragen, sondern, wie sie damals, u. auch noch, von fleischlichen Lehrern, mit dergleichen dieser Zeuge zu thun hatte, von Cathedern und Kanzeln verkehrt vorgetragen, und von dem grössten Haufen eben so übel und verkehrt gefasst wird, z. F. von der falschen Zurechnung der Gerechtigkeit Christi und Seligwerdung ohne Bekehrung und wahren Glauben; Von der Tüchtigkeit der unbekehrten Lehrer zum Predig-Amt, folglich wie solche, als eine unlautere Lehre, die sie doch vor Lutherisch ausgaben, vor Augen liege.

 

§ 31.

Hiedurch ward er gehindert, wie er sonst willens war, aus seinem Papier ferner was herzusagen, als von dem Ursprung des Verfalls und des Verderbens der Kirchen, welcher schon bey den Zeiten der ersten Kirchen-Väter seinen Anfang genommen, die er so heilig nicht fand und erkannte, wie man sie bisher dafür gehalten und ausgerufen hatte.

Ferner von dem damaligen verdorbenen Christenthum in allen Secten, Partheyen und Religionen, welche zusammen ein verwirretes Babel und lauter geistliches Heidenthum ausmachten;

Auch, wie Gott die Religionen künstig erst recht zu reformiren im Sinn habe, welches durch Lutherum nie vollkommen geschehen sey, da dann wenig Seelen die wahre Probe der lautern Wahrheit, nach Geist und Kraft zur Seligkeit, aushalten würden;

Weiter, dass Gott, nach seiner Verheissung, sein, vormals geliebtes, itzt aber verstoffenes, Volk wieder annehmen, viele Heyden bekehren, und aus beyden, mit samt den verborgenen Zions-Kindern, ihm eine rechte sichtbare allgemeine Kirche und Gemeinschaft der Heiligen aufrichten werde;

Anbey, dass Gott unterdessen und allezeit, in aller Welt, unter allen Secten und Religions-Spaltungen, seine verborgene Linder, Gläubige und wahre Anbeter, die im Geist und in der Wahrheit solche gewesen, gehabt, und noch eine unsichtbare Kirche auf Erden habe;

Nicht aber im Lutherthum allein eingeschrenkt, vielweniger dass das Lutherthum allein die sichtbare, reine, Apostolische und Evangelische Kirche ausmachte, wie sie es zwar gerne haben wollten.

Zuletzt: Dass alle sollten ihren Sinn ändern, die Prediger und Lehrer zuerst und vornämlich, und auch die Zuhörer;

Sie sollten sich auf ihre Lehr-Satze, vielweniger auf ihre äusserliche Kirchen-Uebungen, als Singen, Gebete-hersagen, Predigt-hören, Beichten, Sünde-vergeben und Abendmahl-gehen, nicht verlassen:

Denn sie doch mit allen diesen Dingen nichts anders thäten, als dass sie sich unter einander, Lehrer und Zuhörer, verführten, schmeichelten und verstockten, so dass sie die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhielten, und dass sie zur Erkenntnis ihres Verderbens so nicht kommen, noch ihren Sinn ändern könnten, auf dass ihnen mögte geholfen werden.

 

§ 32.

Diese und andere Dinge mehr, hätte er, wenn er daran nicht wäre gehindert worden, ihnen für dismal vorzupredigen gedacht; Alleine, die eigentliche Predigt und Verkündigung, die ihnen vorgetragen werden sollte, ist deshalben doch nicht zurücke geblieben:

Denn siehe, was geschah? Es kamen auf des Predigers Geheiss sogleich zween Kerls daher, fasseten, jaglicher an einer Seiten, ihn an, ihm auszuführen;

Indem sie ihn nun so anfasseten, geschahe es unversehens, dass seine Öumpen ihm alsobald von seinem Leibe so rein abfielen, dass er ganz nackt und bloss vor ihrer aller Augen da stund, und nicht den geringsten Faden, von oben bis unten, am Leibe zurücke behielte, nicht Hut, nicht Hemd, weder Schuh noch Strumpf, nicht das Mindeste;

Und in solcher Gestalt ward er denn hinaus geleitet, bloss und ohne fernere Bedeckung seiner Glieder, welches er mit seinen eigenen Händen, indem die zween Kerle seine beyde Arme fest hielten, auch nicht einmal thun konnte;

Sogleich darauf aber, als ihm die Kleider abgefallen waren, und er hinaus geführet wurde, rief er in der Kirche mit lauter Stimme zu dreyen malen nacheinander:

So soll der Prediger Schande noch entdecket werden, wie ich itzund bloss und nacket ausgeführet werde.

Und damit leiteten sie ihn bis aus der Kirche, und liessen ihn also gehen.

 

§ 33.

Eben durch dieses damalige Nacket- und Blossgehen des lieben Ulstadii ist, was oben § 15. gesagt worden, nämlich, dass er eine Zeit lang, der von Christo abgefallenen Christenheit und Clerisey ein Zeichen seyn sollte erfüllet;

Und zwar auf eben selbige Weise, wie in den alten Zeiten der Prophet Jesaias Amos Sohn ein Zeichen seyn müsste;

Von welchem also geschrieben stehet: Und der Herr sprach zu ihm: Gehe hin und zeuch den Sack ab von deinen Lenden, und zeuc deine Schuhe von deinen Füssen. Und er thät also, ging nacket und barfuss.

Da sprach der Herr: Gleich wie mein Knecht Jesaia nacket und barfuss gehet zum Zeichen und Wunder dreyer Jahre über Egypten und Mohrenland;

Also wird der König zu Assyrien die gefangene Egyptier und die vertriebene Mohren, beyde jung und alt, nacket und barfuss, mit blosser Schaam hintreiben, den Egyptern zur Schande;

Dann werden sie erschrecken und mit Schanden bestehen, die Egyptier über den Mohren, darauf sie sich verliessen, und wiederum die Mohren über den Egyptiern, welcher sie sich rühmeten;

Und die Einwohner dieser Lande werden zur selbigen Zeit sagen:

Ist das unsere Zuversicht, da wir um Hülfe hinflohen, dass wir von dem Assyrischen Könige errettet wurden? Ja, wie fein sind wir entrunnen! Jes. 20.

 

§ 34.

Wenn man diese und jene Begebenheiten gegen einander hält, so wird nach allen Umständen eine zimmilche Gleichheit und Uebereinstimmung heraus kommen, z. E. Der Herr sprach zu Jesaia, ebenfalls auch also zu Ulstadio; Man stelle sich nicht vor, dass die Rede des Herrn zu Jesaia, ein Schall in der Luft und in den leiblichen Ohren, sondern ein Kraft-Wort im Herzen gewesen sey, und eben so wie zu Ulstadio ist geredet worden.

Jesias bekam Befehl nacket zu gehen, Ulstadius auch; Das sollte Jesaias drey Jahr thun.

Wenn man von der Zeit an rechnet, da Ulstadius keine andere Kleider mehr, als die er damals anhatte, anziehen musste, welches von dem an wol mag gewesen seyn, als er seine Kirchen-Busse thate, nämlich 1685, so kommen bis 1688, da seine Nacktheit-vollkommen und auch beschlossen wurde, auch drey Jahr heraus.

Jasaias sollte mit seinem Nacketgehen ein Zeichen und Wunder seyn, Ulstadius auch. Jesaias sollte zweyerley Bölker Zeichen seyn, nämlich den Egyptiern und den Mohren, Ulstadius ebenfalls, nämlich den unbekehrten Lutheranern, als geistlichen Egyptiern, und den unbekehrten Predigern, als geistlichen Mohren.

Die Mohren sollen ein schwarzes Volk seyn; Ob die gottlosen Prediger in den Augen Gottes und seiner Engel schwarz oder weiss seyen, ist leicht zu urtbeilen: Denn wo im Herzen kein göttlich Licht ist, da ists schwarz und sinster genug;

Dass ihre äusserliche Kleidung schwarz sey, solches weiss ein jeder; Das thut aber zur Sache nichts, denn der guten und frommen Prediger ihre Kleider sind auch schwarz.

 

§ 35.

Diese beyden Völker, Egyptier und Mohren, hatten ein falsches Vertrauen zu einander; So thuns auch die geistlichen Egyptier und Mohren.

Solches falsche Vertrauen, das diese Völker zu einander hatten, wollte der Herr ihnen benehmen; Eben so auch das falsche Vertrauen, so die unbekehrte Menschen zu ihren geistlosen Lehrern haben.

Dorten sollte das falsche Vertrauen ihnen zu der Zeit erst wegfallen, da sie nacket und barfuss zu gehen genöthiget wurden, hier eben desgleichen: Denn es heisst: Also soll der gottlosen Prediger Schande entdecket werden.

Wenn denn nun die Leute an ihnen was schändliches erblicken, das sie vorhin bey ihnen nicht vermuthet hätten, so wird das Vertrauen, das sie auf sie stelleten, dann wol von selbsten wegfallen.

Es mussten nicht allein die Mohren, sondern auch die Egyptier selbst mit, nacket und barfuss gehen; Nicht allein der geistlosen Geistlichen ihre Blösse, sondern auch der geistlich todten Menschen ihre überhaupt, will Gott aufdecken, welches ihnen gleichwohl eine grosse Gnade und der Anfang ihres ewigen Wohls ist.

 

§ 36.

Alles dieses, dass die Schande und Blösse dieser und jener Gattung Menschen soll aufgedecket werden, hat man also nicht als ein Zeichen der ewigen Verstossung und Ungnade Gottes, sondern als ein Merkmal, dass er sie aus ihrem Elend retten wolle, anzusehen, und ihn dafür zu preisen.

Indessen ist bey der Erweckung eines Sünders, da ihm von Gott seine Augen aufgethan werden, dass er seine Blösse gewahr wird und seine geistliche Noth fühlen kan, gemeiniglich dieses das erste, so bey ihm einzutreffen pfleget, nämlich was dort von den Egyptiern und Mohren gesagt ward, das sie erschrecken, und, in Ansehung Gottes, mit Schanden bestehen; Welchen Zustand einer Seele in der Bekehrung, der in diesen Worten ganz deutlich vor Augen liegt, hier ausfürlicher zu beschreiben, weder der Raum noch die Materie dieser Schrift zulassen will.

 

§ 37.

Merklich aber ist noch dieses, welches man also nicht muss vorbeygehen, was weiter stehet: Die Egyptier werden erschrecken, und über den Mohren, auf welche sie sich verliessen, zu Schanden bestehen über den Egyptiern, welcher sie sich rühmeten.

Gehets wol anders zu, als dass ein armer geistlich todter natürlicher, oder, recht zu sagen, selischer Mensch auf seinen eben so todten Lehrer sich verlesst?

Was der ihm vorsagt, das ist ihm so recht, der macht ihm den Weg zum Himmel breit, und eben wie er ihn gern haben will; Darum, wenn er einmal das Glück haben wird, dass er seine eigene Blösse, nebst dem Betrug seines fleischlichen Lehrers, und das falsche Vertrauen, das er auf seine schmeichlerische Reden gesetzet hatte, einsehen kann, so ist kein Wunder, dass er darüber erschrecken und mit Schanden bestehen wird;

Was aber das Wort, mit Schanden bestehen, oder zu Schanden werden, sagen will, wird vermutlich einem jeden ohnedem klar genug seyn, so dass man sich mit desselben Erklärung eben nicht aufhalten darf.

Hingegen, gleichwie der arme und blinde Mensch sich auf seinen blinden Leiter verlässt, also <b>rühmet sich der blinde Leiter seiner armen verführten Heerde; Sie heissen doch: Allerliebste Christen! Auserwehlte Kinder Gottes! Heilige und selige Menschen, die durch seinen Dienst zu Gott gebracht worden! und so weiter.

So aber ein solcher Leiter das Glück, seine Blösse einzusehen, auch haben wird, O! wie wird so dann auch ihm das stolze Rühmen hinweg fallen?

Und an statt dessen Schrecken und Beschämung sich einfinden; Und so muss es seyn, denn ehe solgt keine Begnadigung. Alle bekehrte Seelen und erleuchtete Kinder Gottes werden Zeugniss geben, dass es also zugehe.

 

§ 38.

Noch ist dieses anzumerken: Die Einwohner dieser Länder, nämlich die Egyptier und Mohren, auch so die im geistlichen Verstande, werden zu derselben Zeit, wenn sie sich zu sehen bekommen, dass sie nacket und bloss sind, sagen: Ist das unsere Zuversicht, da wir um Hülfe dahin flohen, das wir von dem grausamen Fürsten der Finsterniss errettet würden?

Ja, wie sein sind wir entrunnen! Und, gleich wie diese Völker als Gefangene und Vertriebene, bey ihrem Nacketgehen die Herrschaft der Sünde und ikres Fürsten, zu keiner Zeit schwerer fühlen, als eben da ihnen die Augen aufgehen werden, dass sie ihre geistliche Nacktheit und Entfernung von Gott gewahr werden, und da sie, gern aus ihrer Gefangenschaft heraus, wieder zu Gott wollen;

Und das so lange, bis sie zu Christo ihrem Heyland wieder gekommen, Gnade und Vergebung ihrer Sünden empfangen, und die Macht Gottes Kinder zu seyn, erhalten haben.

Es wäre noch vieles, das recht nützlich zu betrachten ist, hierbey anzumerken: Denn die heilige Schriften haben einen gar tiefen geistlichen Verstand, auch da sie von äusserlichen Sachen handeln; Ich muss aber kurz seyn.

 

§ 39.

Wir haben bis hieher alle Umstände, diese und jene, wie sie miteinander so genau eintreffen, angesehen; Wie es aber auch mit den Personen selbst, nämlich des heil. Propheten Jesaiä und des frommen Ulstadii, eine Gleichheit habe, das wollen wir nun auch noch anschauen: Jesaias wird bis heut zu Tage für einen herrlichen Mann und grossen Propheten des Herrn gehalten, und das ist er auch wirklich gewesen.

Ulstadius aber ward für einen Narren, Unsinnigen, Missethäter und dergleichen geachtet: Wie kommen dann diese beyde Männer mit einanderin eine Gleichheit?

Wir wollen von Jesaia, nicht wie er zu dieser, sondern wie er zu der Zeit, da er selbst noch lebte, und das Werk des Herrn ausrichtete, von den meisten angesehen ward, reden.

Itzt stehet er niemand mehr im Wege. Ich bin aber gewiss, dass er zu seiner Lebens-Zeit nicht so wie heute, sondern wie alle andere Knechte des Herrn, geachtet worden ist, welche allezeit, von der Welt und den fleischlichen Menschen, als wunderliche, seltsame, närrische, unleidliche Leute, als Aufrührer, Verführer, Gotteslästerer, Uebelthäter, und so weiter, ausgeschrien worden sind, und von ihnen Bande und Gefängnisse, Peinigungen und Schläge, und zuletzt gar den Tod zum Lohn erhalten haben; Die heilige Schrift und die Kirchen-Historie gibt er genug an den Tag.

Es wird von Jesaia, dass er mit einer Säge mitten entzwey gefäget worden seyn soll, berichtet; Wenn dem so ist, so kann man schon wissen, wie er ist angesehen gewesen; Kurz, für einen Ketzer, einen Beleidiger, Aufrührer, und wer weiss ob nicht noch für was ärgers.

Ob nun Ulstadius auch hierinn mit dem Propheten Jesaia eine Gleichheit treffe, und ob er auch die Marter-Säge, deren einen Zacken nach dem andern, obwol auf unterschiedlicher Weise, habe fühlen müssen, solches wird der Verfolg dieser seiner Lebens-Beschreibung ausweisen, zu der wir uns nach dieser Zwischen-Betrachtung wieder wenden wollen.

 

§ 40.

Wir haben unsern aus der Kirche hinausgeführten Ulstadium bey der Kirchen-Thür verlassen; Von da ging er frey und im Frieden zu seiner Wohnung, die er doch nicht eigen gemiethet besass, sondern ein frommer und gottesfürchtiger Studiosus, *) der durch ihn zur Bekehrung und rechtschaffenem Wesen in Christo war gebracht worden, Namens Olaus Ulhegius, hatte dieses mal das Glück und die Ehre, dass er den Herrn Jesum, als einen Fremdling oder Gast, als einen Nacketen, Hungerigen und Durstigen, in diesem seinem Gliede, hat aufnehmen und beherbergen dürfen;

Welches bey der Nachwelt, und in den Ewigkeiten ihm zum Ruhm unvergessen stehet; So dass, wenn wir auch nichts mehr, als nur dieses von ihm wüssten, so wäre das schon Glaubens gewesen sey: Denn man erwege doch, was das sey einen solchen Menschen, als Ulstadius zu dieser Zeit, nach dem äussern, und vor der Welt, war, aufnehmen, bey sich behalten und beherbergen wollen! Dazu gehörte gewisslich mehr, denn blosse Natur und natürliches Mitleiden.

Darum, gleichwie unser frommer Ulhegius diesen ehrwürdigen Gast durch den Glauben aufgenommen und bis dahin beherberget hatte; Also bewies er seinen theuren Glauben noch ferner, und zwar auf eine besondere Weise:

Man beliebe nur folgende Umstände in Acht zu nehmen und zu bedenken, so wird sein Glaube nicht geringe, sondern dadurch herrlich hervor leuchten, so dass man sich dessen theils verwundern, theils darüber erfreuen muss; Hier ist wol eingetroffen, was der liebe Apostel Johannes von dem Glauben rühmet: Er say der Sieg, der die Welt überwindet: Denn, siehe, was für ein Aussehen, was für ein Murmeln, Gassen, Verwundern, Spotten, Erbittern, u. s. w. über dem, was itzt vorgelaufen war, nämlich, dass Ulstadius zu reden angefangen hat, entblösset worden ist, wiederum laut ausgerufen hat, und aus der Kirche hinaus geführet worden ist, unter den Leuten, in der Kirche entstanden seyn mag?

Wie mögen doch die Augen der Leute und der andern Studenten auf unsern Ulhegium und auf fie Uebrigen, von welchen sie mussten, dass sie des Ulstadii seine Freunde waren, damals gerichtet gewesen seyn?

Man betrachte ferner, wie einem menschlichen Herzen bey dergleichen Umständen, in welchen unser seliger Ulhegius sich damals befand, natürlicher Weise, zu Muthe seyn mag: Sollte sich da nicht Schaam, Furcht, Verzagtheit, Weichlichkeit, Vernunfts-Ueberlegungen, Zweifel, mit mehreren, eingefunden haben?

Hätte er nicht leicht an Ulstadii Verhalten sich so ärgern können, dass er ferner mit ihm nichts mehr hätte zu thun haben wollen? Hätte nicht die Furcht für folgendem Spott, Schmach und Leiden, ihn abzuhalten, sich des Ulstadii weiter oder mehr anzunehmen, vermögend seyn können? u. s. f.

Dennoch schämete er sich seiner und der wunderbaren Führung desselben nicht, sondern vor aller Leute Augen stund er hurtig auf, lief ihm aus der Kirche getrost nach, ging mit nach Haus, machte ihm seine Stuben-Thür auch noch auf, und nahm ihn fröhlich so wieder zu sich.

Ist dieses nicht ein offenbares und besonderes Zeugniss seines Glaubens und seiner Liebe zu Christo und seinen Gliedern? Das Weib Rahab hat die Kundschafter aus dem Israelitischen Lager aufgenommen, und doch nur heimlich, und solches wird ihr für eine That des Glaubens ausgelegt; Dieses aber, was der fromme Ulhegius thät, geschahe öffentlich, und zwar, da er wol sahe, dass ihm deswegen Leiden zukommen würden, sollte das nun nicht ein Werk des Glaubens gewesen seyn?

*) Von diesem rechtschaffenen Manne wird man hernach, in dieser ersten Sammlung, auch eine Schrift sehen. Siehe III. Stück.

 

§ 41.

Als nun die Zeit, an welcher Ulstadius durch sein Nacketgehen der sweyerley Gattung Menschen ein Zeichen und Wunder seyn musste, nach göttlichem Rath und Bestimmung, zu Ende gegangen war, und er davon im Gemüte eine Versicherung und Gewissheit bekommen hatte; So zog er alsobald, als er in die Stube kam, ganze Kleider an, die er hernach so wie andere Leute trug; Er liess auch sogleich von seinem an seiner Schmach und Leiden geliebten Theilnehmer, dem guten Ulhegio, seine fünf grosse Haarlocken abscheren; Welchem eben das, wie dem Saul, Kis Sohn, als er unter den Propheten Haufen kam, widerfahren ist, dass er auch weissagete, und man daher von ihm das Sprichwort brauchte: Ist Saul auch unter den Propheten?

Eben also war unserm Ulhegio unter dem Scheren das Weissagen auch angekommen, dass er, wie es ihm zur Stunde ins Gemüthe und in den Mund gelegt ward, heraus sprach:

So wird Gott der gottlosen Seuchel- und Bauch-Prediger Gewalt, auch einmal kürzen, und sie aus dem Lande der Lebendigen ausrotten.

 

§ 42.

Da hier und an andern Orten mehr wider die Prediger geredet wird, so will man dieses hierbey in Liebe erinnert haben, dass man wider keinen einzigen aus einigem Affect oder Hass und Eifersucht zeuge, sondern nur so, wie die Sachen an sich selbst ergangen sind, selbige erzehle.

Zu dem so ist zu merken, dass die Rede wider die Prediger insgemein gar nicht sey, als unter welchen Gott auch seine treue Diener, wiewol wenige, und seine rechtschaffene Arbeiter hat, welches man mit dankbarem Herzen gegen den Herrn erkennet, und zu seinem Preise auch bekennet; Es ist nur die Rede wider die gottlose, blinde und unbekehrte Prediger, wider die Lästerer und Verfolger der Knechte Gottes.

Man hat aber auch gegen sie ein erbarmendes Herz und Sinn, und wunschet ihnen Gnade zur Sinnes-Aenderung, dass ihnen nicht widerfahre, oder über sie, was wider sie geweissaget worden ist, kommen möge; Denn sie Weissagung, ob sie schon noch nicht erfüllet ist, wird zu ihrer Zeit wol erfüllet werden, nämlich, dass ihre Macht eins gekürzet, und sie selbst aus dem Lande der Lebendigen vertilget werden sollen.

 

§ 43.

Wenn man diese Weissagung genauer betrachtet, so ist er eine Gnadenvolle Verheissung, darüber alle Kinder Gottes sich wol herzlich freuen mögen; Nicht also, dass sie über die Gerichte eines einigen armen verstockten Predigers, wenn ihnen von demselben auch noch so viele Verfolgung angethan würde, einigen Kitzel oder Vergnügen bey sich verspühren lassen sollten.

O! Nein; Sondern sie freuen sich deswegen, welches auch das wesentliche ist, worauf diese Weissagung und Verheissung gehet, nämlich, dass in dem Lande der Lebendigen, das ist, in der Gemeine Gottes und Christi, alle solche todte, faule und schädliche Glieder nicht mehr gefunden werden sollen.

Die Ausrottung aber geschiehet dergestalt, entweder dass die todten Glieder sich lebendig, die faulen gefund, und die schädlichen nutzbar machen lassen;

Oder, wenn sie das nicht wollen, dass sie sodann ganz weggethan werden, und zwar auf eine Weize, wie es dem Haus-Herrn selbst gefällig seyn mag, die wir, ob sie schon einigen Knechten wol bekannt ist, nicht bestimmen, noch auch uns darüber kitzeln, sondern in Ehrfurcht und Anbetung Gottes ausrufen wollen: Halleluja! Heil und Preis, Ehre und Kraft sey Gott unserm Herrn: Denn wahrhaftig und gerecht sind seine Gerichte, dass er die grosse Hure verurtheilet hat, welche die Erde mit ihrer Hurerey verderbet, und das Blut seiner Knechte von ihrer Hand gerochen hat. Offenb. 19. v. 1, 2.

 

§ 44.

Ferner ist auch dieses zu merken, dass diese itzt besagte Weissagung nicht neu, und nicht nun erst durch diese Männer vorgebracht, sondern dergleichen schon vor vielen hundert Jahren und mehrmalen ergangen, und in unsern Tagen, zu der Welt Nutzen und Heil, durch diese und andere Knechte Gottes mehr, nur gleichsam als wiederholet worden sey; Also, warum zürnet man denn darüber immer, als wenn was neues und anzügliches ausgesprochen würde?

Ja, spricht man, das waren andere Männer, solchen kann man wol glauben; Wer sind aber diese? Antw. Lieber! wer waren denn die andere? Eben solche wie diese, schwache Gefässe, sündliche aber keine sündigende Menschen, sondern begnadigte Seelen.

Dass aber jene in unsern Tagen in grössere Hochachtung gekommen sind, dessen sind nur die dazwischen gekommene Zeiten eine Urfach/Ursach; Nach vielen Jahren, so die Welt stehen wird, wird Ulstadius und seines Gleichen dieser Zeit auch in Hochachtung kommen. Man tödtet die Propheten, und schmückt hernach ihre Gräber.

 

§ 45.

Dass mit den Jahren das Urtheil der Menschen von der Knechten Gottes sich ändere, kann man auch aus der Rede, die unser Herr und Heyland zu den Pfarisäern und Lehrern des Volks damaliger Zeit gehalten, und ihr eigen Urtheil ihnen vorgehalten hatte, sehen; Sie lautet also: Wehe auch Schrift-gelehrten und Pfarisäer, ihr Heuchler, die ihr der Propheten Gräber bauet, und schmücket der Gerechten Gräber, und sprechet: Wären wir zu unserer Väter Zeiten gewesen, so wollten wir nicht theilhaftig seyn mit ihnen an der Propheten Blut. Matth. 23. v. 29. 30.

Sehet doch welche eine Hochachtung gegen die alten Propheten, die die alten Juden, als böse Leute verurteilet und abgethan hatten, in den jüngern Jüden mit den Jahren erwachsen war, so dass sie nicht nur die Mordthaten ihrer Väter an den Propheten missbilligten und verdammten, sondern zum Zeichen ihrer Hochachtung für die Ermordeten, baueten und schmückten sie gar auch ihre Gräber, und versicherten dabey, dass wenn sie zu ihrer mörderischen Väter Zeiten gelebet hätten, so hätten sie die Propheten, die ihre Väter doch getödtet hatten, nicht tödten wollen;

Und dennoch, ungeachtet dass sie billiger und gerechter, als ihre Väter, zu seyn sich dünken liessen, so tödteten sie doch immerhin ihre eigene Propheten, die zu ihnen gafandt waren, ja, den höchsten Propheten unter allen, unsern Herrn und Heyland Jesum selbst.

Was war die Schuld? Sie hatten sich von den alten Propheten Jdeen gemacht, sie hatten sich dieselbe als besonders helige Leute und Personen vorgemahlet; Ihre eigene Propheten aber sahen sie für keine Propheten, sondern für Betrieger, Gotteslästerer, Teufelskinder, u. s. w. an.

Darum tödteten sie dieselbe, und sie waren doch, die neuen und die alten Propheten, einerley und einander gleich. Und wenn sie auch, nämlich diese so sehr gerechte Jüden, zu ihrer, nach ihrer Meynung, ungerechten Vorfahren Zeiten schon gelebet hätten, wie sie erwähnten, so hätten sie die Propheten, welchen sie itzt aus Hochachtung Grabmäle baueten, doch ebenfalls getödtet, und vielleicht noch ärger, als ihre Väter, mit ihnen umgegangen.

Sehet, so ist die verdorbene menschliche Phantasie beschaffen, und so blind ist ein Mensch von Natur, ohne das inwohnende Licht des heiligen Geistes, ob er auch die grösste Wissenschaft besässe; So ists vor Zeiten gegangen, so gehets auch noch, und nicht anders zu; Und so wie diese Propheten sind, so sind auch jene beschaffen gewesen.

 

§ 46.

Die Versündigung an Kindern und Knechten Gottes geschieht sonst auch wol auf seinere Weise, als mit dem Schwerdt und gewaltsamen Schlägen; Man kann sie mit der Zunge, als mit falschem Urtheilen, mit unrichtigem lügenhaften Bericht und Anschwärzung verfolgen; Man kann sie auch im herzen, durch Kaltsinnigkeit und Geringschätzung, wenn man sie nicht recht kennet, noch für Glieder Christi ansiehet, beleidigen;

Und mit dieser Art der Versündigung, zumalen in diesen vervirrten Zeiten, da so viele vermischte Dinge, gute und böse, untereinander vorkommen, ist er sehr leichte geschehen; So dass, wer nicht in rechtschaffener Furcht und Liebe seines Gottes und Heylandes stehet; Wer nicht gesalbte Augen, die Kinder Gottes, welche oft um dieser und jener äussern Umstände willen, vor Menschen sehr unkenntlich sind, kennen zu lernen, bekommen hat, der kann heut zu Tage solchen Versündigungen schwerlich entgehen; Darum hat man wol Ursach den Herrn herzlich und denüthig zu bitten:

O! Herr! Öffne mir die Augen, dass ich deine Heiligen, deine Boten, deine Knechten und deine Kinder kennen lernen mögte! Bewahre mich in Gnaden, dass ich weder mit der Hand, noch mit der Zungen, noch mit meinem Herze, anirgend einem deiner Glieder mich nicht versündige! O! dass ich könnte ein Schloss an meinen Mund legen, und ein fest Siegel auf mein Maul drücken, dass ich dadurch nicht zu fall käme, und meine Zunge mich nicht verderbete! Herr Gott Vater, und Herr meines Lebens, lass mich nicht unter die Lästerer gerathen, und lass mich nicht unter ihnen verderben! O dass ich meine Gedanken könnte im Zaum halten, und mein Herz mit Gottes Wort züchtigen, und ich meiner nicht schonete, wo ich fehlete: Auf dass ich nicht Sünde anrichtete und gross Irrthum stiftete, und viel übels beginge, damit ich nicht untergehen mögte vor meinen feinden, und ihnen zu Spott würde: HERR Gott Vater, und Herr, meines Lebens, behüte mich!

 

§ 47.

Nachdem wir solchergestalt die Weise, und wie leicht es sey, sich, auch unwissend, an Kindern Gottes zu versündigen, in der Kürze beschauet, und mit herzlichem Gebet und Gott anbefohlen, und ihn, wolle angeflehet haben, dass er uns dafür gnädig bewahren;

So können wir denn auch nun ferner mit so viel mehrerer Erbarmung und Mitleiden, wie die grösere Versündigungen an unserm gläubigen Bekänner Ulstadio und andern seinen Mitgläubigen verübet worden sind beschauen: Denn meynet man wol, dass sie ihn damit so frey hingehen lassen, und sich sein Zeugniss, dass er ihnen in der Kirche vorpredigte, zu Nutz gemacht hatten? Wir werden solches itzt sogleich hören.

Es war kein längerer Aufschub, als bis auf den nächstfolgenden Montag, dass er vor den Magistrat der Stadt Abo gefordert und daselbst erscheinen müsste, an welchem Tag er auch alsobald in Verhaft gezogen wurde. Sein Vornehmen ward daselbst aufs allerärgste angemerkt und vorgebracht, nicht alleine da vor dem weltlichen, sondern auch, als hauptsächlich, und noch viel heftiger vor dem sogenannten geistlichen Richter-Stuhl angeklagt.

 

§ 48.

Diesemnach, da sie sich diese Sache so sehr gefährlich und abscheulich vorstelleten, so wurde ganz ernstlich und heftig geforschet, und ob auch noch mehrere dergleichen Personen daselbst anzutreffen wären, die dieses vermeynte Verbrechen entweder billigten, oder unterstützen, oder sonst nur von demjenigen Manne selbst, der es ausgeübet hatte, Freunde wären, nachgesucht.

 

§ 49.

Wo nun Kraft und Glaube gewesen ist, da hat sich derselbe gezeiget; Und wo der Saame in eine gute Erde und nicht aufs steinigte gafallen war, da konnte er gegen diese Hitze grün und unverwelkt bestehen.

Es mag auch wol manches Gemüth, das sonst Liebe und Gewogenheit für den Bekenner geheget hatte, sich zu dieser Zeit, da man sahe, wo es mit ihm hinaus wollte, diesem Bekenntniss beyzupflichten, nicht unterstanden haben; Es ward also zuerst keiner mehr, der mit Ulstadio eines Sinnes wäre, als nur sein guter Wirth, der liebe Ulhegius *) gefunden.

*) Aus sichern Urkunden, die hernach folgen werden, merkt man noch einen Studenten, Namens Lithovius, der mit den Bekennern einstimmete.

 

§ 50.

Währender Zeit aber als das angestellte Nachforschen im Werkwar, fand sich doch noch eine dritte Person, nämlich ein Studiosus und Magister, aus Abo bürtig, mit Namen Petrus Schäfer; Dieser gab ein solches Bekenntniss von sich: Erstlich, dass er diese beyde Personen, den Prediger, Laurentium Ulstadium, und den Studenten, Olaum Ulhegium, für rechtschaffene und fromme Seelen hielte, denen es Gott von Herzen zu suchen, zu fürchten, und mit ihrem ganzen Leben ihm zu dienen, ein Ernst wäre.

Darum glaubte er, zweytens, von der Wunder-Führung des Predigers Ulstadii, und von dem, was neulich mit ihm in der Kirche, in Anzehung seiner Aussprache und Entblössung, geschehen, dass solches alles nicht von dem Willen des Ulstadii selbst herrührete, als hätte er dasselbe aus Frevel und Vermessenheit, oder dergleichen Beweg-Ursachen unternommen, vielweniger, dass es durch Antrieb und Eingebung böser Geister vorgegangen wäre:

Sondern dass Gottes mächtige hand darinnen gewaltet, und dass diese alles also gewirket hätte. Drittens, so gestunde er, in Ansehung seiner eigenen Person, offenherzig, dass er sich der beeden vorbenannten Männer, und ihrer Erkenntniss der göttlichen Wahrheit, die Gott ihnen eröffnet und geschenket hatte, nicht schämete, sondern dass er mit ihnen derselben völlig beystimmete, und sich dazu bekennete.

 

§ 51.

Ein solches Bekenntniss von einem jungen Magister hatten die Richter sich nicht vermuthet, deswegen ihnen dieser Handel um so viel mehr zu schaffen gab; Und machten sich also, nach verrichteter Vorforderung und Abhörung dieser dreyen Zeugen, dessentwegen an höhern Ort und Obrigkeit einen Bericht, oder vielmehr eine Klage, einzusenden fertig;

Wie aber dieser Bericht von ihnen abgefasst gewesen seyn mag, kann man sich leicht vorstellen; Zum wenigsten nicht zum Vortheil der abgehörten Personen, welches aus der letztern ihren Vertheidigungs-Schriften, die sie bey fernerer Vorforderung einlegten, sattsam zu sehen war.

 

§ 52.

Mittlerweile, und bevor eine Antwort auf den abgefertigten Bericht und Klage, welchergestalt man mit den Verklagten verfahren sollte, erfolgte, hatten die Studenten noch ein Jahr lang Zeit und Frist auf freyen Fuss zu seyn, mit einander umzugehen, und sich im Glauben und reiferer Erkenntniss der göttlichen Wahrheit zu stärken; Der Herr Ulstadius aber, als der schon, durch die Gnade, zum Gefängniss und Banden zubereitet und gewachsen war, wurde hingegen noch immer gefänglich gehalten.

Die himmliche Weisheit hat dann dergestalt diese ihre beyde Säuglinge eben dasselbe Recht wollen geniesse lassen, was Sie im Gesetz durch Mosen verordnet hat, da es heisst: Du sollt das Böcklein nicht kochen, weil es noch seine Mutter sauget, Deut. 14. v. 21. item Cap. 20. v. 5, 6, 7.

Wer ein neu Haus gebauet hat, und hats noch nicht eingeweihet, der gehe nicht hin in den Krieg, dass er in dem Krieg nicht sterbe, sondern bleibe zu Haus; Und welcher einen Weinberg gepflanzet hat, und hat ihn noch nicht zum Stande gebracht, der bleibe daheim, dass er im Kriege nicht sterbe, und ein anderer den Weinberg vollends einrichte.

Welcher ein Weib ihm vertrauet hat, und hat sie noch nicht heimgehohlet, der gehe nicht in den Krieg, dass er sterbe, und ein anderer hohle sie heim.

Der Apostel Paulus fragte bey einer gewissen Gelegenheit: Sorget auch Gott für die Ochsen, oder hat ers nicht vielmehr um unsert willen gesagt?

Desgleichen kann man hier fragen: Hat Gott mit diesem Gesetz nur aufs Böcklein gesehen, oder ists nicht vielmehr nach dem Geist zu verstehen? Und was will Gott mit dem Verbot gewisser Personen in den Krieg zu ziehen, gesagt haben?

Unbefestigten Seelen, und denen die in der Sache des Herrn noch nicht ganz oder fertig sind, will er kein Zeugen-Geschäfte anvertrauen, und die Säuglinge und Anfänger oder Kinder im Christenthum dürfen so schwere Bürden, als die Jünglinge und Männer, nicht aufnehmen:

Wenn also Seelen nicht aus gestlichem Hochmuth und Kitzel, um Zeugen der Wahrheit abgeben zu wollen, oder aus unbescheidenem Eifer wider den Verfall der Kirche allzufrüzeitig in Krieg und Händel mit den Feinden sich selbst nicht einlassen, sondern von Gottes Leitung, wie er sie Tritt vor Tritt selbst führet, abhangen wollen, so richtet die göttliche Vorsehung alle Umstände so wunderbar und herrlich ein, dass äusserliche Verfolgungen und Leiden nicht ein Augenblick eher über sie kommen, als er will, und siehet, dass sie zu solchem Geschäfte tüchtig und stark genug sind, auf dass sein Name durch sie verherrlichet werde.

In diesen Stück aber wird von vielen Seelen vieles versehen, darum auch so viele Aergernisse und unreife Dinge zum Vorschein kommen, worüber die Feinde zum Spotten mehr Anlass nehmen, und der Name Gottes und das wahre Christenthum zu leiden hat, welches der Herr in Gnaden verbessern, und die Seelen in seiner Führung zu bleiben lehren wolle!

 

§ 53.

Wie schon gemeldet, so kam noch Verlauf eines Jahres der Befehl an einen geistlichen Rath oder hohen Schule zu Abo, die beeden Studenten vor sich zu rufen, sie noch ferner zu untersuchen und zu hören, und endlich darüber ihr Urtheil zu sprechen; Der Prediger aber, Ulstadius, sollte unters weltliche Gericht gezogen, und allda verhöret und gerichtet werden.

Das Gericht eines geistlichen Raths ward also nicht lange aufgeschoben, sondern im Jahr 1689. am 20. November über die Studiosen angestellet.

Die göttliche Gnade wollte für dismal an diesen jungen Bekennern sich recht herrlich erzeigen: Denn ihnen ward, zu Erfüllung der erquicklichen Verheissung unsers Herrn, Luc. 21. v. 15. Mund und Weisheit gegeben, dass sie freymüthig und tristig, durch Reden und Schriften, die Wahrheit bekannten und vertheidigten, so dass die Gegner nichts anders, als nur ihren Zorn und Unmuth, dagegen auszulassen hatten:

Denn der Vortrag war gründlich, und mit der heiligen Schrift und mit der lautern Lehre und Leben der ersten Christen gänzlich übereinkommend, dass wenn die Affecten, welche die Menschen blind machen, in ihren Gegnern das Ruder nicht geführet hätten, so wären sie noch gut davon gekommen.

 

§ 54.

Allein, hier ward nicht nach Wahrheit gefragt, sondern, nur Ursachen, nach welchen, als mit einem Schein des Rechten, die Bekenner angegriffen, verurtheilet und gefället werden könnten, gesucht, eben wie der geistliche Rath zu Jerusalem, im Hause Caiphä, mit dem Herrn Jesu that.

Eine solche Ursache schiene ihnen nicht geringe zu seyn, dass Petrus Schäfer eine Schrift, *) in welcher er seinen Magister-Brief, Titul und dessen Vorrechte für den Lohn und Gift-Trunk aus dem güldenen Becher der babylonischen Hure erklärete, und alles, mit samt dem versiegelten Maalzeichen des Thieres, ihnen vor die Füsse warf und zurück gab, eingeliefert hatte.

Zu dem so zeigte er, in selbiger seiner Schrift, den entsetzlichen Greuel und die grosse Seelen-Verführungen an, die durch das heydnische Zeug, das in allen Facultäten und Disciplinen gelehret wird, verursachet werden, und in den hohen Schulen und Universitäten im Schwange gehen: Mit welcher Schrift und Ausspruch Olaus Ulhegius auch einstimmete; Daher vermeynte man genugsamen Grund gefunden zu haben, dem Jerusalemichen Rath und Hohepriesterlichen Ausspruch nachzusprechen: Was dürfen wir weiter Zeugniss?

Wir habens selbst gehöret. Was dünket euch? Aber gleichwie jenes Gericht that, nämlich es heisst: Sie verdammeten ihn alle, dass er des Todes schuldig wäre, eben also that auch dieses Aboische geistliche Gericht, welches vor Verlauf zwoer Wochen über sie ihr Urtheil gab, des Innhalts,

dass es die beeden Studenten, Olaum Ulhegium und Petrum Schäfer, als befundene Kätzer, Religions- Sacraments- Kirchen- und des heil. Predig-Amts, der Prediger, Academien und etlicher derselben Beamten Lästerer und Verläumder, Ehre, Leib und Leben, verlustig erklärete.

*) Welche hernach eben in dieser ersten Sammlung, siehe II. St. anzutreffen, ist.

 

§ 55.

Von diesem wunderlichen und entsetzlichen Handel waren die Prediger Urheber und Antreiber, als welche dabey zugleich für Kläger und auch für Richter passirten; Welches Verfahren der Prediger also im Lande, wider die Zeugen der Wahrheit, bis 1731 gewähret hat, da durch Briefe Sr. Königl. Majest. vom 8. May desselbigen Jahres, an die Königliche Hof-Gerichte im Reiche, die geistliche Gerichte ihr Richter-Amt in Religions-Sachen verlohren haben,

und solches den Königlichen Hof-Gerichten alleine zuerkannt und beygeleget worden ist, sonst wäre mit den guten Seelen, die man sonst Abgesonderte nenet, die zwanzig Jahre her, nicht so milde verfahren worden, wie man Gott dafür zu preisen hat, welcher der hohen Obrigkeit, den Schaden, der aus der Herrschaft der Geistlichkeit entstehet, hat einsehen lassen, so dass ihre Gewalt, nach der Weissagung Ulstadii, schon ein gut Theil kürzer geworden ist.

 

§ 56.

Das weltliche Gericht zu Abo, welchem der Prediger Ulstadius zur Beurtheilung überliefert war, übereilete sich in seinem Ausspruch nicht, wie jenes gethan hatte, zumal da es aus der Verurtheileten eingegebenen Klag-Schriften erfahren und merken konnte, dass die Herren Prediger und Glieder eines geistlichen Raths, als Kläger und zugleich Richter, in einer ihnen selbst unbekannten Sache, auf einen Haufen, von ihnen erdichteter, und den andern aufgebürdeter Meynungen, wider Königliche Verordnungen und Gesetze, mit ihrem aus übelgeordneten Leidenschaften hergeflossenen Urtheil schnell zugefahren und sich sehr vergangen hatten:

Denn wie die Geistlichen, in weniger als zwoer Wochen Frist, mit ihrem Urtheil von dem Könige durch sein Hoff-Gericht, erst nach zwey-jährigem Gefängniss, und war von solchem Innhalt,

das er in einem Zucht-Haus zu Stockholm, Zeit seines Lebens, ein Gefangener seyn und allda arbeiten sollte.

 

§ 57.

Hier verlassen wir vor dieses mal unsere sween junge Studenten und Bekenner, den Schäfer und Ulhegium, als welche von dem Tage an, als sie ihr Todes-Urtheil von der Geistlichkeit empfingen, auch in ein Gefängniss wandern müssten, und wollen mit unserm Ulstadio, dessen Lebens-Beschreibung wir eigentlich hier vorhaben, nach Stockholm uns wenden, und sehen, was ihm allda begegnet ist.

Sein Urtheil war zwar in so ferne etwas gelinder denn jener ihres, als es nicht, wie das andere, aufs Leben los ging: Dennoch war es hart genug, so dass mans wol mit des Propheten Jesaiä seiner Säge, womit er soll seyn entzwey gesaget worden, wie oben gemeldet worden, vergleichen kann, indem er seit seiner Verurtheilung zu der Schlaverey, bis er davon wieder los gesprochen wurde, manchen wiederhohlten scharfen Zacken von dieser Säge mag haben erfahren und fühlen müssen, und also nicht auf einmal, sondern langsam, und mit seinen so viel grössern Schmerzen, damit gleichsam durchgeschitten worden, wie wir nun, eines nach dem andern, anführen werden.

 

§ 58.

Man hätte wol denken sollen, dass, weil er ein geweiheter Prediger war, so hätte man, bey Vollziehung seines scharfen Urtheils, in Ansehung seiner, einige Nachsicht oder Vermilderung brauchen können, dass er nicht in allen Stücken, wie ein anderer Sclav, der ein Missethäter oder Räuber wäre, behandelst werden dürfte;

Aber nein, das geschahe hier nicht, sondern er wurde vielmehr als die andere Sclaven mit der Schärfe beleget; Denn die Muth und der Grimm der Prediger folgte ihm ins Gefängniss und Zuchthaus auf den Fersen nach, kam auch da hinein, und belebte die Schergen oder Kerkermeister, die denn eben so gut, als wenns die Prediger selbst gewesen wären, ihn martern und plagen musten.

 

§ 59.

Der erste scharfe Zacke an der Säge womit er sollte mitten durchgeschnitten werden, und er beym ersten Eintritt in die Sclaverey erfahren musste, war, dass ihm eine grosse eiserne Kette um den Fuss geschmiedet wurde;

Und so ward er, zweytens, auf den sogenannten Schmiede Hof, um allda ein schweres Mühlrad zu treten, gebracht, allwo er vollends täglich unsägliche zerschneidende Spitzen und Zacken solcher Säge, viele Jahre lang, erlitte; Da er, mit allen andern dahin verurtheilten groben Missethätern und Sclaven, die so genannte Diebs-Mühle, nach jedes Tages abgemessenen gewissen Stunden, mit ihnen ziehen musste.

Was auch diese schwere und harte Arbeit unsern Prediger, als welcher solcher grober Arbeit nicht gewohnt war, nicht genug martern mögte, solches ersetzten die bösen Vögte und Aufseher der Sclaven; Von welchen er sehr übel und unbarmherzig, mit harten Schlägen oftmals überfallen wurde, indem sie meynten, dass man des Kätzers nicht schonen müsste.

 

§ 60.

Ueber solcher ihm ungewöhnlich harten Arbeit und dabey genossenen schlechten Speisen, wurde er an Leibes-Kräften sehr geschwächet, und an seiner Gesundheit merklich beschädiget; So dass er in die Länge so zu arbeiten, wie im Anfang geschah, unvermögend ward.

Die Wögte und Stockmeister solches bemerkende, sahen es gar übel an, und deuteten es nur für Faulheit und Verstellung aus: Fingen derohalben an auf unsern Märtyrer und Mann Gottes mit gresslichen Worten, Bedrohungen und harten Schlägen noch heftiger zuzufahren, und auf ihn loszugehen.

Welches er dann, um Gottes und um des Zeugnisses der Wahrheit willen, seine ganze Leidens-Zeit über, die der Herr über ihn bestimmet hatte, tapfer und beständig, mit Geduld und Stilleschweigen ertragen und ausgestanden hat.

 

§ 61.

Wie er aber noch ein Mensch im Fleische, und, wie ein Stein oder ein Stück Holz, der Empfindung oder des Gefühls nicht beraubet war, so hatten ihm diese Plagen und das harte Joch nur die empfindlichsten Leiden verursachet.

Darunter der Leidensmann Gott, um dessentwillen er alles dieses litte, und dem er sein Leben und seine ganze Sache anbefohlen hatte, im Verborgenen um Gnade und Beystand stets seufzend anflehete, dass er diese ihm von seiner Vorsehung zugemessene Leiden, ohne Murren bis ans Ende tragen mögte.

Auch weil er solche seine Leiden als von Gott, und nicht bloss von Menschen herkommend, ansahe, und dieselbe mit den Leiden des Sohnes Gottes vereinigte, folglich in desselben Geist und Sinn stunde, und mit seiner Liebe durchgedrungen und erquicket ward, so konnte er auch für seine Peiniger und Creutziger herzlich bitten und sie segnen.

 

§ 62.

Eins mals trugs sich zu, als er, von sehr harter Arbeit, am Leide ganz ausgezehret war, und in grosser Schwachheit sich entkräftet befand, dass er bey der Diebs-Mühle, die er treten und ziehen musste, in eine Ohnmacht oder Beschwimmung hinfiel, ja gar zur Erden niedersank.

Da ging der Stockmeister noch mit grausamen Schlägen dazu auf ihn los, und wollte ihn solchergestalt aufrichten. Der theure Gottesmann hat ihn, dass er mit den übrigen Stunden, die er denselben Tag noch zu arbeiten hätte, vor dieses mal, doch verschonet bleiben mögte, da es ja vor Augen offenbar wäre, wie unmöglich es ihm wäre denselben Tag über weiter zu arbeiten;

Ueber dem versprach er, dass er den folgenden Tag, mit Gottes Hülfe, wenn seine Kräfte sich wieder eingestellet hätten, die Stunden wieder nachhohlen wollte.

Der barbarische Wachtmeister aber fuhr unserm Leidensmann rauh an, und gab ihm erstlich eine harte Antwort, verwilligte dennoch ihm endlich sein Begehren; Aber mit dieser scharfen Bedrohung, dass, wofern er morgen, wie heute, als wenn er krank wäre, sich stellen, und seine vorgeschriebene Stunden nicht voll arbeiten würde, so sollte er versichert seyn, dass, an statt er heute einfache Schläge bekommen hätte, würde ihm morgen derer zwiefach gegeben werden.

Worauf der Mann Gottes, unter tiefem Seufzen, betrübt und wehmüthig antwortete:

Du armer Mensch, du verspricht du willst mich morgen härter als heute quälen, und weisst nicht, ob du selbst, damit du mich Elenden und Creuzträger Gottes über Vermögen treiben könnest, von Gott, den morgenden Tag zu erleben, die Gnade geniessen werdest; Und das um deiner Grausamkeit willen, die du an mir verübest.

Sehr merklich ist also dieses, dass dieser unselige tyrannische Mensch, den folgenden Morgen darauf todt gefunden worden. Welches billig viele in Verwunderung und Schrecken setzte, da sie solches erfuhren, und die Ursache dessen, aus dem Munde des Creutzträgers und anderer, die dabey gewesen waren, höreten.

 

§ 63.

Man kann also nicht umhin diese folgende Anmerkungen hier beyzufügen:

Erstlich, dass dieses, an dem Kerkermeister, von Gott dargestellte Exempel eines jähen Todes, keinesweges als eine Würkung eines bösen Wunsches, oder der Rache in dem Märthyrer, welcher, wie kurz vorher gemeldet worden, den Sinn seines Meisters des Herrn Jesu hatte, der für seine Feinde und Creutziger bate, anzusehen sey.

Sondern, Zweytens, dass Gott, vor der Welt und den Feinden seines Zeugen, ihn hiedurch hat rechtfertigen, und damit zeigen wollen, dass er bey ihm in Gnaden, und theuer geachtet, ja ein wahrer Prophet und Zeuge sey.

Drittens, dass die Verfolger der Zeugen Gottes hieran eine Warnung, mit der Verfolgung so nicht fortzufahren, und sich auf solche Weise zu versündigen, vor sich haben.

Viertens, dass sie folglich keine Entschuldigung ihrer Unwissenheit, als wäre ihnen nicht gezeiget und bekannt worden, dass solche Männer Kinder Gottes, und seine Lieblinge seyen, vorzubringen hätten.

Fünftens, wird nicht allein dem seligen Ulstadio selbst, sondern auch andern schwachen Gemüthern, die mit ihm in einiger Gemeinschaft stunden, damit eine merkliche Stärkung des Glaubens und der Versicherung, dass Gott seine Knechte, bey ihren Leiden um seines Namens und Zeugnisses willen, nicht aus der Acht lasse oder vergesse, geschehen seyn.

Und sechstens, muss dieses gleichfalls der Nachwelt, so wol den Guten, als den Bösen, zu einem merklichen Exempel dienen: Den Guten, dass sie hieraus Gott vertrauen lernen, und den Bösen, dass sie, die Kinder Gottes anzutasten und zu quälen, sich fürchten.

 

§ 64.

Nachdem unser Ulstadius nun schon viele Jahre, bey grosser Schwächlichkeit und Leibes-Schmerzen, in dieser Diebs Mühle gearbeitet hatte, wurde er an einen andern Ort, den man die Diebs-Schmiede zu nennen pflegte, um sodann auch allda zu arbeiten und zu schmieden, geführet; Es haben diese Oerter den Namen von Dieben geerbt, weilen dergleichen Leute als Sclaven dahin zur Arbeit verurtheilet wurden.

Es ward also Ulstadius, eben wie unser Herr, unter Räuber und Uebelthäter gerechnet, ob er schon keine Ubelthat verübet, sondern nur die Wahrheit bezeuget hatte. Ob aber diese Veränderung der Oerter und Arbeit, aus Absicht seiner einiger massen etwan zu schonen, und seine Arbeit zu erleichtern, geschehen sey, oder, um dem Leidensmann eine noch grössere Arbeit aufzuladen, solches ist dem Allwissenden am besten bekannt.

Wie er da sey gehalten worden, kann man leicht ermessen, indem er auch hier nicht anders, als ein Missethäter, angesehen wurde: Denn er musste in dieser Kette liegen und sitzen, gehen und stehen, und unter seinen Peinigern alle Strafen und harte Züchtigungen, gleich wie die Missethäter, erdulden, wenn sie in einigem Stücke etwas versehen hatten.

 

§ 65.

Diese neue Plage konnte unser Hiob, als ein, in der Leidens Schule, wohlgeübter Streiter, durch die Liebe Gottes, ihm selbsten angenehm und leichte machen:

Denn er zu dieser Zeit mit vieler innerlichen süssen Gnade, Geschmack, himmlischen Licht, Trost und Erquickungen, aus der Fülle des göttlichen Worts, überströmet und reichlich begabet ward; So dass es ihm, wo er ging und stund, und welcherley Arbeit er verrichten musste, beständig in der Gegenwart Gottes zu bleiben, und mit ihm die allersüssesten und vertraulichsten Gespräche und Unterredungen zu pflegen, und ihn in seinem Herzen anzubeten, nicht schwer fiel.

Dieses machte ihn dann auch zu seiner äusserlichen Arbeit so wohl geschickt und fertig, dass er, nach sweyen Jahren, in dem Schmieden, eben so gut als ein Gesell arbeiten konnte, und nachhero, was die Schmiede-Arbeit betrift, als ein Gesell angesehen wurde. Dennoch aber hat er keine andere Verpflegung, als alle andere Missethäter, genossen, und musste alle Nächte in seinem Gefängniss eingekerkert zubringen.

 

§ 66.

Wenn wir diesen unsern Märthyrer und andere seine Mitbrüder an der Trübsal und an den darauf folgenden Herrlichkeiten, betrachten, welche grosse und uns nicht genug zu erwegende Leiden sie um des Herrn und unserthalben, ausgestanden haben, und wir auch diese unsere gegenwärtige Zeiten und Zustand dagegen halten, wie nämlich der heilige Gott die Augen der Herren und Regenten der Welt itzt dermassen geöffnet habe, dass sie nun allmälig den grossen Unfug, in Verfolgung um der Religion willen, und den Gewissens-Zwang einzusehen, und folglich die Wuth und Raserey einer blinden Clerisey zimlich zu hemmen beginnen;

So dass, wenn in einem Lande, durch Antrieb der Prediger, an erweckten Seelen, die mit der vorigen abgeschmackten Speise, welche ein unbekehrter Prediger ihnen auftischet, nicht mehr zufrieden seyn können, einige Strengigkeit ausgeübet wird, so fällts, Gott Lob! doch was leidlicher aus, als vor diesem, da man unter den Protestanten, in manchem Lande, fast eben nicht besser daran war, als zu Rom, indem man fast überall, in jedem Dorfe und Stadt, einen Pabst gefunden.

Wenn man, sage ich, solches nun betrachtet, so kann man nicht anders denn Gott herzlich dafür zu danken, für die Obrigkeiten zu bitten, und unsere Vorgänger, die, durch ihr Zeugniss und viele Leiden, uns das Eys gebrochen, und uns dieses Glück erarbeitet haben, im zärtlichen Andenken gleichsam zu umarmen, ihnen zu ihren Kronen zuzujauchzen, und ihnen solche von Herzen zu gönnen, recht innig bewogen werden.

 

§ 67.

Wir kommen aber wiederum auf die Tractamenten unsers Josephs im Gefängniss:

Nachdem er nun in diesem Gefängniss-Ort, und bey dieser Schmiede-Arbeit wiederum einige Jahre zugebracht hatte, wurde er endlich auch da weggenommen, und zu einer dritten Art von Arbeit bestellet; Welche war, einen Brunnen von abscheulicher Tiefe, auf dem Schmiede-Hof, zu reinigen.

Allda ward der Creutz-träger bey einer Winde, um die mit Schlamm und Unflath angefülleten Eymer aufzuwinden und auszuleeren, gestellet. Wobey denn freylich geschah, dass sein armer schwacher Körper auch daselbst viel ausstehen musste, welcher von den übten Dünsten, die aus dem Brunnen herauf stiegen, dermassen stark angegriffen ward, dass er davon sehr entkräftet und matt wurde.

Daher, da er eins mals den Eymer mit dem Unflath, den er aus dem Brunnen aufgewunden hatte, ausschütten wollte, und den Eymer eben in den Händen hielt, schlug die Winde schnell zurück, also, dass, weil er so schwach und entkräftet war, er von der Last und Schwere des Eymers mit zurück gezogen, und mit sammt dem Eymer und Schlamm, über Hals und Kopf, in die Tiefe des Brunnens hinunter stürzte.

Welches dann einen solchen entsetzlichen Schall von sich gab, dass die Vögte und Peiniger selbst darüber sehr erschracken, und nicht anders vermeyneten, denn dass er, mit samt dem Menschen, der unten in dem Brunnen stund, in tausend Stücken zerschmettert seyn würde.

Allein, durch eine unsichtbare Hand unsers allmächtigen Herrn und Heylandes, und durch den Dienst seiner heligen Engel, wie man dismal augenscheinlich spühren konnte, wurde verhütet, dass weder er selbst, noch der drunten im Brunnen stehende Mensch, durch sein Fallen, einigen Schaden bekam.

 

§ 68.

Dieses und andere Wunderwerke mehr, die an und mit ihm geschahen, gaben den Verfolgern zum Nachdenken Gelegenheit genug, dass sie wol hätten merken können, dass der Herr mit diesem unserm Joseph wäre.

Aber nein, sie verstockten ihre Herzen, und merkten auf nichts, sondern, verblieben gegen ihn im gleichem Grimm und Härtigkeit, nach wie vor; Und keiner bekümmerte sich um seinen

Schaden. Er wurde vielmehr durch Grausamkeit und Hass der Tyrannen, je länger je mehr zu solcher strengen und harten Arbeit gebraucht, als wenn er Glieder von Eisen und Stahl gehabt hätte.

 

§ 69.

Endlich aber, nachdem er solcher gestalt, in vielen Jahren, von solchen Egyptischen Frohn-Wögten, übergenug war gequälet worden, und seine Kräfte, durch schwere Arbeit, zuletzt gänglich verzehret waren; Er auch viele Krankheiten ausstehen müssen; So wurde, mit noch dazu kommendem hohen Alter, seine äussere Hütte, zur groben Arbeit, je länger je mehr unbrauchbar, so dass seine quälende Aufseher wohl merkten, dass er bey ihnen nicht mehr taugte.

Deswegen, und zwar durch Schickung unsers gütigen Gottes, der noch eine andere Absicht mit ihm vorhatte, und ihn, vor seinem Ende in eine andere Schuhle noch führen wollte, als man bald hernach vernehmen soll, wurde ihm endlich, ohne für die Crone etwas mehr zu arbeiten, in seinem engen Kerker eingesperret zu bleiben, daselbst, in Frost und Kälte, ein spärlichs Brod, ein Brod der Trübsal zu geniessen, und mit Schmerzen des Leibes voll Gebrechen, die er bey schwerer Arbeit gesammelt und zugezogen hatte, sich täglich beladen zu sehen, vergönnet.

 

§ 70.

Endlich fügte es Gott doch so wunderlich, dass dieser unser Bekenner, nach einiger Zeit, mit einem ehrbaren Manne in Bekanntschaft kam, der ihm einige Arbeit, in seinem Gefängniss-Raum zu verrichten verschaffte; Womit der Streiter so einige Jahre lang etwas erwerben konnte, damit er seinen ausgezehrten Cörper mit Speisen einigermassen unterstüzte, und zur Winter-Zeit sich ein bisgen Feurung anschafte, weil dergleichen ihm sonst von der Cron keine gegeben wurde.

 

§ 71.

Dass also Gott die Seelen, nach seinem freyen und unumschrenkten Willen und Belieben, unterschiedlich führe, solches kann man hieraus abnehmen und nicht leugnen; Und zwar um so viel mehr, als die tägliche Erfahrung solches vielfältig ausweiset.

Und wer wollte auch darüber scheel sehen, oder zu ihm sagen: Was machst du? Hat nicht ein Töpfer Macht, aus einem thon, ein Gefäss zum edlern, und ein anders zum schlechtern Gebrauch zu machen?

Ich will nicht sagen, dass Seelen auf besondere Art selig werden; Das wäre ein entsetzlicher Irrthum. Nein, das Seligwerden ist für alle Seelen eines und einerley, Welches durch die Vergebung der Sünden, um des vergossenen Bluts Jesu des Sohnes Gottes, erhalten wird im Glauben.

Wer in demselben, das Reich Gottes und das himmlische Erbe, als ein Geschenk, einfältig, wie ein Kind, ohne auf sein Frommseyn oder viele Erfahrung und ausgestandene Leiden im geringsten zu sehen, nicht annimmt, der kommt, laut der Aussage des Herrn, nicht dazu.

Hievon ist also nicht die Rede; Sondern wir halten, dass die Seelen, nachdem sie, durch den Glauben, die Vergebung ihrer Sünden in dem Blute Jesu empfangen, und also selige Kinder Gottes schon worden sind, und das Recht, die Vollmacht und Versicherung von der noch künstigen Seligkeit und Herrlichkeit, die an den Gerechten, in den Ewigkeiten, sich offenbaren soll, bekommen haben, dass sie, sage ich, zu dieser, als ein durch Jesu Versöhnung, uns zugekommenes Erbe, geschenkten Seligkeit, und zu deren völligen und ewigen Besits und Genuss un-unterschiedlich geführet werden.

Oder auch, dass Gott, nachdem er die Seelen erstlich erhalten hat, so braucht er sie hernach auf Erden, in seinem Gnadenreich, oder in dem Dienst seiner unsichtbaren heiligen Gemeine, so lang sie noch hier zu leben haben, die eine so, die andere auf eine andere Weise.

Seine göttliche Kraft und Tugend zeiget sich, in und an ihnen, auf vielerley und unterschiedliche Art; Welches der Apostel Paulus beschreibt, wenn er 1 Cor. 12. von den mancherley geistlichen Gaben, von den mancherley Aemtern, und von den mancherley Kräften, die sich in einem jeglichen Gläubigen zum gemeinen Nutz erzeigen, redet.

 

§ 72.

Dieses dann voraus gesetzt, so sage ich noch weiter, dass Gott einige Seelen oft von weltlichen Bedienungen, Handthierungen, Aemtern, äusserlichen Geschäften und Arbeit, gar ab, und zur Abgeschiedenheit, zum Gebet und beständigem vertraulichen Umgang mit Gott, oder zu einem beschaulichen Leben rufet und ziehet.

Dergleichen Seelen dann der Herr, nach seiner treuen Verheissung Matth. 6. v. 33. ihr Brod und Unterhalt, auf andere Weise, ohne alle ihre Sorge und Suchen, zuwirft; Indem er andere Gott-liebende Menschen, die zeitliches Vermögen haben, dazu erwecket, dass sie, aus innerlichem süssen Triebe und Liebe, solchen Personen ihre leibliche Nothdurft gern und willig reichen, und die Lehre das Herrn in diesem Stück in Acht nehmen, Luc. 16, v. 9.

Machet euch freunden mit ungerechten Mammon (zeitlichem Vermögen) auf dass, wenn ihr nun darbet, sie euch in die ewige Hütten aufnehmen.

 

§ 73.

Solche, zur Abgeschiedenheit und beschaulichem Leben, berufene Seelen sind einige der gottseligen Einsiedler der ersten Christenheit gewesen.*)

Auch sind in den folgenden und neuern Zeiten dergleichen rechtschaffene Seelen gefunden worden,**) als welche ihren wahrhaftigen besondern Beruf mit ihrem Leben dergestalt bestätiget haben, dass man an deren Richtigkeit nicht sweifeln darf.

Aus solchem guten und richtigen Grunde und Absicht mögen wol die Klöster im Anfang seyn angerichtet worden; Welche, wie bey vielen andern guten und göttlich verordneten Dingen***) zu geschehen pfleget, hernach in Missbrauch gerathen sind;

So verdorben aber auch das Kloster-Leben in der Römisch-Catholischen Kirche, zu diesen Zeiten, immer seyn mag, so merket man doch auch, dass sehr theure und liebe Seelen, als welche wahrhaftig gründe, saftige und fruchttragende Aeste, an dem Lebens-Baum Christo Jesu sind, darinnen itzt noch gefunden werden.

*) Hievon kann nachgesehen und gelesen werden des seligen Johann Otto Glüsings erster Tempel Gottes, erster Theil, vom Leben der heligen Altväter, im Register der Haupt-Sachen und Namen, bey dem Worte: Einsame.

**) Siehe auserlesene Lebens-Beschreibungen heiliger Seelen, ersten Theil, und das Leben des heiligen und seligen Gregorii Lopes. Auch Theosophia Practica. Johann Georg Gichtels, dessen wundervoller und heilig geführter Lebens-Lauf im siebenden Theil beschrieben ist.

***) Zum Exempel: Das heilige Abendmahl unsers Herrn Jesu Christi, welches von ihm selbst, nur zu dem Ende, und in der Absicht, nämlich um seiner und seines, zur Vergebung der Sünden, geschehenen Todes und Blutvergiessung eingedenk zu seyn, geordnet und angefangen worden ist; Solches geben seine eigene Worte ausdrücklich zu erkennen, da er befiehlet:
Dieses rhut zu meinem Gedächtniss, welches der Apostel Paulus den Tod des Herrn verkündigen, nennet, und hat denselben Sinn; Dieses Abendmahl des Herrn sollte und könnte von keinen andern, als seinen Jüngern und wahrhaftig Gläubigen gehalten werden, sonsten wäre es nicht mehr ein Abenmahl des Herrn halten, wie Paulus bezeuget 1 Cor. 11. v. 20.
Itzt aber ist es mit dem Abenmahl-halten so weit in Missbrauch oder verkehrten Gebrauch gekommen, dass es nicht allein von groben Sündern, unbekehrten und ungläubigen Menschen, von denen man versichert ist, und aus ihren Werken gewiss weiss, dass sie keine Christen seyen, gehalten wird; Sondern der wahre und rechte Endzweck des Abendmahls ist gar vertauscht worden: Itzt will man da Vergebung der Sünden herhohlen: Man will da den Leib und das Blut Christi besser und eigentlicher als sonst essen; Der übrigen ganz groben und falchen Absichten vieler Menschen bey diesem Werke zu geschweigen.
Wie wit also das itzige Abendmahl-halten ein Mahl des Herrn könne genennet werden, lässt man Verständigen zu urtheilen über. Wie auch, ob die Seelen nicht guten Grund haben, sich von solchem abgesondert zu halten?

 

§ 74.

Solche Führung zur abgeschiedenheit und innerlichem Gottesdienst im Geist, (ich will nicht sagen von dem unrichtigen Kloster-Leben,) wie gut und richtig sie an einigen Personen, von Gott und erfahrnen Männern, auch mag erkannt seyn, so will sie doch wiederum einigen andern Gemüthern etwas verdächtig oder gar unrichtig vorkommen, welche sich auf den Spruch Pauli stützen:

So jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen: Denn wir hören, dass etliche unter euch wandeln unordentlich, und arbeiten nicht, sondern treiben Fürwitz, '2c' 2 Thess. 3. v. 10. 11.

Wenn sie aber diesen Text recht ansähen und verstünden, so würden sie finden, dass derselbe diese Leute, wider welche sie eingenommen sind, nicht angehe, noch dass sie der Apostel hiemit gemeynet habe.

Denn er spricht nicht: Wer leiblich nicht arbeitet, sondern wer nicht arbeiten will, der soll nicht essen. Dazu so sagt der Apostel, dass jene, die er meynete, unordentlich wandelten und Fürwitz trieben.

Alles dieses ist bey den, von Gott, aus der Welt, berufenen Seelen nicht anzutreffen: Denn erstlich so kann man nicht sagen, dass sie nicht arbeiten wollen; Sie wollten und thäten es eben so gern und wären wol auch so geschickt dazu als wie andere, wenn der göttliche Beruf zu anderer Arbeit sie davon nicht abhielte.

Zweytens, sie wandeln auch nicht unordentlich, das ist, faullenzen, herumlaufen und schwatzen, neue Zeitungen bringen, für sich und andere betteln, andern beschwerlich fallen, und so fort; Noch weniger treiben sie Fürwitz, das ist: In fremden und keinen wahren Seelen-Nutzen abzielenden und schaffenden Dingen speculieren, z. E. von der Goldmacherey Profession machen, hohe und verborgene Dinge ausgrübeln wollen, und dergleichen mehr.

Wer mit solchen Stücken umgehet, und gibt doch vor, oder meynet, dass ein wahrer Einsamer sey, dessen Geschäfte von ganz anderer Beschaffenheit ist, wie oben vernommen worden, der lasse sich sagen, und stehe davon ab, ehe das Gericht Gottes ihn treffen mag.

Es mögen auch noch solche falsche Einsame, die aus selbsteigenem Triebe, ohne göttlichen Ruf, den wahren Einsamen es nach-machen wollen, gefunden werden: Denn bey allen göttlichen Handlungen stellet der Satan aus List, auch seine Affen dar, damit er durch solche die Werke Gottes schwärzen und verdächtig machen möge, weil er weiss, dass Leute, die weiss von schwarz nicht unterscheiden können, entweder das böse mit dem guten zu loben, oder das gute mit dem bösen zu verwerfen und zu lästern, geneigt sind.

 

§ 75.

Einen solchen Bericht, von unterschiedlicher Führung der Gläubigen, währender ihrer geistlichen Pilgerschaft, und von dem einsamen Leben einiger derselben, hat man hier voran einfliessen lassen wollen, angesehen man von solcher Zeit an, an diesem Seeligen, zu solchem abgeschiedenen Leben und Entziehung von äusserlicher Handthierung und Nahrungs-Mitteln, einen göttlichen Berug, wie aus folgendem erhellet, gewiss vermerken könnte:

Weil er itzt von der Sclaven- oder Cron-Arbeit erlediget war, und doch vor diesem, als er darunter gestanden, das Schmieden gelernet hatte, so gedachte er, in seinem Gefängniss-Raum, das er vor sich alleine hatte, eine Werkstatt für sich selbst anzurichten, dazu er nach und nach dreyssig Carolinen (sind zehen Reichsthaler) ersparet hatte. Was geschah aber?

Als er dieses vornehmen wollte, bekam er im Gemüthe einen andern Unterricht und innerliche Ueberzeugung, dass Gott ihn nicht zu dem Ende, nämlich eine Schmiede zu bauen, und darinnen zu arbeiten, gleichsam aus dem Dienst-Hause und Frohnerey heraus gesetzt hätte, sondern dass er künftig für den Herrn ganz allein bleiben, seine Seelen-Kräfte nicht theilen, dem Gebet aber und heiligen Uebungen ganz ergeben seyn sollte.

Also fand er bey diesem Vorsatze in seiner Seele nicht Ruhe, sein Gewissen liess ihm solches vorzunehmen nicht zu, weil er dadurch, in dem vertraulichen innern Umgang mit Gott, den er sonst beständig pflegte, verhindert worden seyn würde.

 

§ 76.

Bey solcher Bewandniss seiner Seelen-Umstände, und beym Empfang dieser Lection, besprach er sich disfalls mit Gott vertraulich und kindlich, und weil er unter seinem Gebet und Unterredung mit demselben das Geld (dreyssig Carolinen) in der Hand hielte, ihm zeigete und vorhielte, sprach er in Demuth:

Da siehest du nun, mein Gott! dieses Geld; Dafür wollte ich mir, um mit meiner eigenen Hände Arbeit das Brod zu gewinnen, Werkzeuge kaufen, und du lässest mir aber dieses mein Vorhaben nicht zu; Darum sorge du nun für meinen Leib auf eine andere Weise, wie es dir gefällt; Du, o Gott! mein Herr, musst mich dann nun ernähren.

Worauf er von Gottes sonderlicher Vorsorge, in Ansehung seines leiblichen Unterhalts, eine kräftige Versicherung in seiner Seele bekommen hatte; Und sich also, im Glauben an einen unsichtbaren Erhalter, darauf verlassend, in diese neue Schule sich willig überführen liess.

 

§ 77.

Sein Herr und Führer, dem er die Ehre gab, und hierinn vertrauete und folgete, der hatte ihm auch sein Versprechen treulich gehalten, indem er wunderbarer Weise ihm einig ganz unbekannte Gutthäter, die ihm Handreichung thaten, und von ihrer Haabe ihm dieneten, erweckte.

Aus Finnland, von seinen Bekannten, wurde ihm auch etwas geschickt, welches er dann von der Hand seines gütigen Versorgers nahm. Zu Stockholm aber hatte er noch zu der Zeit sehr wenige Gottliebende Freunde, die sich seiner Nothdurst annahmen, daher sie von fremden Orten sich finden lassen mussten;

Und ausser dem dass damals noch nicht viele erweckte Seelen in Schweden waren, die ihm hätten zur Hand gehen können, wie hernach geschehen, als die grosse und herrliche Erweckungen daselbst, insonderheit zu Stockholm, durch den Dienst etlicher von Gott erweckten, frommen Prediger, als da waren Magist. Gädda, Kiällin, Schröder, vornämlich des theuren noch lebenden Herrn Tollstadii, vorgegangen waren.

So ward noch schwerlich, oder gar nicht zugelassen, dass jemand zu ihm kommen, und mit ihm sprechen mögte, als nur solche, die ihn für einen Verführer, und für einen solchen, der den Hohenpriester gelästert und ausgescholten hatte, hielten, welche dann ihn auch eher verspotteten, als tröstete oder erquickten.

 

§ 78.

Indessen war der Freund seiner Seelen dennoch bey ihm nicht ausgeschlossen, sondern wie es von dem Patriarchen Joseph hiess: Die Weisheit (der Sohn Gottes) fuhr mit ihm hinab in den Kerker, und in den Banden verliess sie ihn nicht. Buch der Weish. 10 Cap.

Also thät er nun auch diesem lieben Joseph; Er verliess ihn, nicht nur der Seelen nach, nicht, indem er ihm innerlich Gesellschaft leistete und seine Seele erquickte, sondern er verschaffte, wie gesagt, bey allem Verschliessen und Gefangenseyn dennoch Bahn, dass ihm Hülfe und Leibes Nothdurft, auch von fernen Ländern, gesandt wurde. Zum Exempel:

Unter andern Wohlthätern war ein Studiosus aus Preussen, Namens Andreas Musculus, der in Zeit von sechs Jahren, ihm dreyhundert Carolinen, und noch dazu Leinenzeug gegeben hatte, welches ich diesem frommen Manne zu seinem rühmlichen und seligen Gedächtniss, der sich des Herrn Jesu, in diesem seinen gefangenen, nacketen, hungerigen und durstigen Gliede, nicht geschämet hat, hiebey mit anführen muss.

Ein frommer Bildhauer in Schweden hatte ihm ein ganzes Bett, mit Bett-Laken und Decke, ganz neu geschenket; Welches demselben nicht unvergolten werde! O! welche Ehre werden solche Seelen, die den Herrn allhier gekannt und gedienet haben, in der Zukunft unsers Herrn Jesu Christi, wenn er sie, vor den Augen aller Geschöpfe, für solche erklären und namhaft machen wird, erhalten!

Aber auch, welche Schande, Schrecken und Schmach, wird dagegen diejenigen, welche ihm hier nicht nur nicht gedienet, sondern noch dazu ihn gequälet und gemartert haben, treffen! O blinde Eifersucht! O Verstocktheit!

 

§ 79.

Damit man aber nicht denken möge, als ob er auf solche Weise, was die nothdurft des Leibes betroffen, gar keine Prüfungen erfahren, sondern allezeit voll auf gehabt hätte, so will nur dieses berühren, dass er einsmals, aus Noth, fast alles das Seinige, das Bett unterm Leibe, und sein Handbuch, Tremellii Bibel, hatte versetzen müssen.

Doch hatte ihm Gott auch wieder, nachdem er ihn erst, ob er ihm auch in dieser Schuhle treu bleiben wollte, scharf geprüfet, und auch treu erfunden hatte, wunderlich durchgeholfen, und ihn wieder zu dem Seinigen kommen lassen.

Denn so sind allemal der himmlischen Weisheit alte Wege, dass sie gegen ihren Liebhabern und Lehrlingen zum ersten sich anders stellet, und ihnen Angst und bange machet, und sie prüfet mit ihrer Ruthe, und versuchet sie mit ihrer Züchtigung, bis sie befindet, dass sie ohne falsch seynd; Sodann kommt sie wieder zu ihnen auf dem rechten Wege, erfreuet sie, und offenbaret ihnen ihr Geheimniss. Sir. 4. v. 19, 20, 21.

Und so heisst es an einem andern Ort: Mein Sohn, willst du Gottes Diener seyn, so schicke dich zur Anfechtung. Halte fest, und leide dich, und wanke nicht, wenn man dich davon locket. Halte dich an Gott, und weiche nicht, auf dass du immer stärker werdest. Alles was dir widerfähret, das leide, und sey geduldig in allerley Trübsal. Denn gleich wie das Gold durchs Feuer; Also werden die, so Gott gefallen, durchs Feuer der Trübsal bewähret. Sir. 2. v. 1, 2, 3, 4, 5.

Besiehe dieses ganze schöne Capitel, welches besonders wehrt zu lesen ist. Und in der Epistel an die Hebräer wird erinnert: Welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er, und stäupet einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt '2c' Hebr. 12. v. 6.

Alle diese Merkmale und Kennzeichen eines Christlichen Schülers sinden wir auch an diesem Schüler der himmlischen Weisheit, unserm theuren Ulstadio; Weswegen wir auch getrost ihn dafür erkläret haben.

 

§ 80.

Seine Befreyung von der Sclaven-Arbeit haben wir ehehin vernommen; Dabey er dennoch als ein Gefangener auf dem Schmiede-Hof eingesperret bleiben sollte. Doch wurde diese Gefangenschaft auch endlich aufgehoben: Denn wiewol er zum ewigen Gefängniss, oder auf Lebenslang, verurtheilet ward, so musste doch dieses, nach göttlichem Rath und Willen, alles noch anders gehen.

Die Gefangenschaft währete bis 1719, da die Princessin, Ulrica Eleonora, auf den Schwedischen Thron kam, und zu Upsala sich krönen lassen wollte.

Dann da liess Ihro Majestät, vor ihrem Krönungs-Fest, ein Pardons-Placat für alle Gefangene im Königreich, die keine Blut-Schulden auf sich hatten, ausgehen; Unter welcher allgemeinen Lossprechung unser Martyrer auch mit innbegriffen war.

Da nun dem im Gefängniss lang geübten Streiter, dass Ihro Maj. ihn itst los geben wollte, angekündiget ward, fragte er die Botschafter, und sagte:

Erkennet dann nun die Königinn, das ich recht habe?

Nein, antworten sie, darum geschiehet es nicht, sondern weil sie den Königlichen Thron betreten soll.

Nun dann, sagte er darauf weiter, erkennet die Königinn das nicht, dass ich recht habe, so begehre ich auch nicht los zu kommen.

Weil er aber gleichwol den Pardon mit andern geniessen sollte und müsste, so hielt er an, dass ihm, die übrige kleine Lebens-Zeit, in diesem seinen Gefängniss-Raum, weil er da gewohnet und wohl zufrieden wäre, er auch ohnedem nichts hätte, wofür er sich eine andere Herberge in der Stadt miethen könnte, zuzubringen vergönnet werden mögte.

Und dieses ward ihm denn zugestanden, doch so, dass er fernerhin von der Crone keinen Unterhalt, sondern nur die Freyheit ein und auszugehen geniessen sollte. Solchergestalt hat er sich in der Stille, und im Verborgenen in seinem alten Gefängniss, als in einer geheiligten Eremiten-Hütte,*) bis in seinen seligen Tod aufgehalten.

* ) Man sagt: Als in einer geheiligten Eremiten-Hütte. Dem äusseren nach sahe sie eben so nicht aus, als welche ein Gebäude von mehr als Ellen dicken Mauren war; Da hingegen die seilige Eremiten oder Einsiedler in der Wüsten nur schlechte Hüttgens, die leicht zu zerbrechen waren, hatten. Man siehet also mehr auf Ulstadii Einsiedler-Leben selbst, das sich der wahren Einsiedler ihrer Lebensart ganz gleichte; Wovon am Ende, § 90. ein mehrers zu lesen ist.




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